Wenn Heidegger ein Mordwinier gewesen wäre …

. In der Philosophie der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und des 20. Jahrhunderts war die Sprachphilosophie eines der wichtigsten Themen. Im Verhältnis zur Sprache kann man zwei Schulen unterscheiden. Als Schriftsteller nehme ich mir die Freiheit, diese Schulen als Schule der Sadisten und als Schule der Masochisten zu bezeichnen.

Die Sadisten waren überzeugt davon, dass unsere alltägliche Sprache (bzw. unsere Sprachen) nicht als Sprache(n) der Wissenschaft und der Philosophie taugen würde(n). Ihrer Ansicht nach verbirgt die Sprache mit ihren komplizierten, unlogischen Strukturen die Wahrheit eher als dass sie uns helfen würde, die Wahrheit zu finden. Aus diesem Grunde forderten die Radikalen dazu auf, von der gegenwärtigen Sprache abzugehen. Sie schlugen die Entwicklung einer neuen, genauen Sprache vor, die frei wäre von den verworrenen und verwirrenden Zügen der gewöhnlichen Sprache. Ich denke hier an die Wiener Analytiker wie z.B. Carnap.

Die weniger radikalen Sprachphilosophen haben die Untersuchung der Sprache für wichtig gehalten. Sie glaubten, dass wir die Sprache erneuen können, wenn wir ihre verborgenen Wirkungen verstehen. Ihrer Ansicht nach sollte es möglich sein, die Sprache zu präzisieren und umzuarbeiten zu einem passenderen Mittel für die Philosophie.

Die radikalen Sprachsadisten, wie Carnap oder den jungen Wittgenstein, kann man mit den Revolutionären der Jahrhundertwende vergleichen, den Bolschewisten oder Anarchisten, die die alten fesselnden gewalttätigen Gesellschaftsstrukturen niederreissen beseitigen wollten, um eine neue Gesellschaft aufzubauen.

Die gemässigteren Sprachsadisten kann man mit den Sozialdemokraten vergleichen, die die Gesellschaft erneuern wollten, ohne sie erst dem Erdboden gleich zu machen.

2. Die Sprachsadisten wollten das Denken des Menschen also aus den Fesseln der Sprache befreien. Die Sprachmasochisten ihrerseits glaubten, dass die Sprache weiser ist als der Mensch, der Denker. Auch sie haben die Sprache untersucht, aber zu entgegengesetztem Zweck: ihrer Ansicht nach liegt die Wahrheit in der Sprache selbst versteckt, in ihren Strukturen und Begriffen. Wenn wir die Sprache untersuchen, kommen wir mit der Welt zurecht, in der Sprache liegt der Schlüssel zum Welträtsel. Die Sprachsadisten wollen das Denken von der Sprache lösen abtrennen, die Sprachmasochisten wiederum bringen es näher an die Sprache heran.

3. Die Sprache ist in relativ grossem Umfang Gegenstand der Philosophie gewesen. Aber die Philosophen haben in den meisten Fällen die Sprache an sich behandelt, nicht konkrete Sprachen wie Griechisch, Englisch, Finnisch, hopi und ersja.

Gewöhnlich hält man die Differenzen zwischen den Sprachen und ihren Strukturen nicht für wichtig, so dass ihr Einfluss auf das philosophische Denken sehr wenig erforscht ist. Es hat jedoch Philosophen und Denker gegeben, die schon vor langer Zeit bemerkt haben, dass die Strukturen verschiedener Sprachen Einfluss auf die in diesen Sprachen entwickelte(n) Philosophie(n) haben können.

So unterscheidet sich z.B. die griechische von der chinesischen Philosophie schon allein aus dem Grunde, dass beide verschiedene Sprachen gebrauchen. Soweit ich weiss, war Friedrich Nietzsche der erste Philosoph, der 1886 eine solche Behauptung aufgestellt hat. Nietzsche schreibt:

"Philosophen des ural-altaischen Sprachbereichs (in dem der Subjekt-Begriff am schlechtesten entwickelt ist) werden mit grosser Wahrscheinlichkeit anders „in die Welt`` blicken und auf andern Pfaden zu finden sein, als Indogermanen oder Muselmänner(: der Bann bestimmter grammatischer Funktionen ist im letzten Grunde der Bann physiologischer Werthurtheile und Rasse-Bedingungen.)”1

4. Nietzsches Verhältnis zur Philosophie ist ambivalent. Er hinterfragt alle Grundbegriffe der bisherigen Philosophie: Denken, Ethik, Sprache, sogar die Wahrheit selbst. Ist die Philosophie nur ein Machtsspiel und die Wahrheit nur eine Maske für unsere Machtbestrebungen? Wenn es so ist, strebt Nietzsche selbst nach Macht oder - dennoch nach Wahrheit? Will er das philosophische Establishment zersetzen (zerschmettern) oder ein neues gründen? Wie kann man nach Nietzsche philosophieren, kann man das Philosophieren noch ernsthaft fortsetzen?

5. Nietzsches Zeitgenosse, der Böhme Fritz Mauthner, war wie Nietzsche ein begabter Schriftsteller und kritischer Denker. Mauthner hat wahrscheinlich den Ausdruck ”Kritik der Sprache” erfunden. In vielen seiner Werke versucht er auch selbst, den Sprachgebrauch der Menschen, insbesondere der Philosophen zu kritisieren. Mauthner ist ebenso wie Nietzsche der Ansicht, dass unser Denken Gefangener der Sprache ist, die wir verwenden.

Die westliche Philosophie ist seiner Ansicht nach eigentlich eine Grammatik des Griechischen gewesen. Kategorien wie Substanz und Akzidenz beschreiben nicht die äussere Welt, sondern Strukturen der Sprache. Die einzige sinnvolle Aufgabe der Philosophie wäre die Entzifferung Analyse der Sprachgebundenheit des menschlichen Denkens, die Kritik der Sprache.

In Nietzsche und Mauthner können wir zwei extreme Vertreter der vertieften Selbstkritik der westlichen Philosophie sehen. Beider Haltung zur bisherigen Philosophie ist negativ und skeptisch betrachten sie auch die Möglichkeiten der Philosophie. Das positive Ziel ihrer Kritik ist es, den Menschen aus der Einengung durch die Philosophie zu befreien und nicht, eine neue und bessere Philosophie zu entwickeln. Sie wollen ihm bessere Möglichkeiten eröffnen, mit der Welt und dem eigenen Leben zurecht zu kommen. Beide sind gewissermassen auf ihre Art Mystiker. Nietzsches Mystik ist aktiv: sein Ideal ist das Heldenleben. Mauthner, der sich selbst zum Mystiker erklärt, ist eher quietistisch orientiert. Seiner Ansicht nach gelangen wir zu einem kontemplativen Frieden des Geistes, wenn wir die Torheiten der Philosophie verstehen.

6. Mauthners Ideen beeinflussten den jungen Wittgenstein. Er nahm den Gedanken von der Philosophie als Kritik der Sprache auf. Aber Wittgenstein verstand diese Kritik nicht wie Nietzsche oder Mauthner in einer dekonstruktiven, sondern in einer konstruktiven Bedeutung. Später löste er sich freilich teilweise von seinem eigenen Konstruktivismus und näherte sich sogar Mauthners kontemplativer Mystik an. Zum Ziel der Philosophie erklärte er nicht das Lösen der Probleme, sondern den "Frieden in den Gedanken". Diese Formulierung erinnert sehr an ähnliche orthodox-hesychastische Formulierungen.

7. Der Deutsche Martin Heidegger ist unzweifelhaft der berühmteste Vertreter des Sprachmasochismus im 20. Jahrhundert. Er stützt sich in seiner eigenen Metaphysik bewusst auf die Strukturen der griechischen und der deutschen Sprache und lässt die Sprache selbst denken. Heidegger begann als Theologe und gelegentlich erinnert sein Philosophieren an Exegetik: er sucht die Wahrheit in den Ausdrücken der Sprache, in der Ethymologie der Worte, so als glaubte er, dass die wichtigsten Geheimnisse des Seins in der Sprache erscheinen oder sich dem Menschen in der Sprache offenbaren.

Für die Kabbalisten oder die Anhänger der mystischen Theologie des Islam, der batiniya, ist die Wahrheit in den heiligen Texten gegeben - und dort muss man sie finden. Für Heidegger hingegen ist nicht irgendein heiliger Text Ausdruck der Wahrheit, sondern die Sprache selbst, nicht parole, sondern langue - um mit Saussures Begriffen zu sprechen.

8. Durch sein Verhältnis zur Sprache setzt Heidegger die Tradition der westlichen, realistisch orientierten Philosophie fort und fördert sie. Die Nähe seiner Interpretation der Sprache zur theologischen Interpretation der Bibel oder des Korans hat vielleicht dazu beigetragen, dass aus ihm ein Kultphilosoph geworden ist; der Heideggerianismus hat oft gewisse Züge von Sektierertum.

Die Anhänger scheinen an die Sprache zu glauben - vor allem an die vom Meiser verehrte und gebrauchte deutsche Sprache - als an eine verbale Offenbarung. ”Die Sprache spricht” - für sie wie Gott selbst; das Wort der Sprache ist das Wort Gottes, darin sind keine Fehler. Ich wage zu behaupten, dass im Heideggerianismus klarer als irgendwann früher einer der traditionellen Züge der westlichen Kultur zum Ausdruck kommt: der Glaube an die besondere Beziehung zwischen Sprache und Wahrheit.

9. Ich selbst bin kein Heideggerianer und auch kein Sprachmasochist, eher ein zur Mystik neigender Sprachsadist. Dennoch interessiert mich Heidegger als ein extremes Beispiel sprachgebundenen Philosophierens. Wenn man Heideggers Texte liest, entstehen viele Fragen. Zum Beispiel: Wäre irgendeine Art von Synthese denkbar zwischen Sprachsadismus und Sprachmasochismus - vielleicht könnten wir sie Sprachsadomasochismus nennen?

Davor soll jedoch eine konkretere Frage gestellt werden. Diese Frage habe ich als überschrift meines Vortrages formuliert. Sie lautet: Wie hätte ein Heidegger philosophiert, der nicht Deutscher gewesen wäre, sondern zum Beispiel Mordwinier - ersjamoksha - und nur seine Muttersprache benutzt hätte?

10. Aus den Werken eines mordwinischen Heideggers bekämen wir vielleicht eine Antwort auf die von Nietzsche inspirierte Frage, wie eine ural-altaiische Philosophie beschaffen wäre. Wäre sie anders als die indoeuropäische oder nicht? Tatsächlich ist von den drei ursprünglichen Traditionen der Philosophie nur eine nicht-indoeuropäisch, nämlich die chinesische (die ursprüngliche Sprache auch der indischen Philosophie war das indoeuropäische Sanskrit). Einige Wissenschaftler sowohl in China als auch ausserhalb Chinas haben gezeigt, dass das chinesische Denken wegen der Besonderheit der chinesischen Sprache anders als das europäische ist. Zu diesen Wissenschaftlern gehören z.B. der Franzose Jacques Gernet oder der chinesische Philosoph Chang Dongsun.

11. Die Finno-Ugrier haben keine eigene ursprüngliche Philosophie erfunden. Ich bin sicher, dass ich nicht irre, wenn ich behaupte, dass ungefähr 90% der philosophischen Texte, die in finno-ugrischen Sprachen erscheinen, übersetzungen sind. Die Ursprungssprachen sind Englisch, Deutsch, Französisch und andere indoeuropäische Sprachen. Die restlichen 10 % sind originalsprachliche Texte, aber ihre Verfasser bleiben in den Fahrwassern der westlichen Philosophie.

Unterscheiden sich nun die finno-ugrischen Sprachen in einem solchen Masse von den indoeuropäischen, dass z.B. der Finne, der Ungar oder der Mordwinier - wenn sie es denn wagen würden - eine andersartige Philosophie als die deutsche oder die französische entwickeln könnten? Ich bin nicht sicher, ob es z.B. in der Analytischen Philosophie so wäre, aber ich bin sicher, dass eine Philosophie, die die Heideggersche Orientierung vertritt, auf finno-ugrisch (als finnisch-ugrische) eine ganz andere als die Heideggers selbst wäre.

Heideggers Philosophie ist Exegetik seiner Muttersprache. Ihre übersetzung ruft viele Probleme hervor, weil sie in einer anderen Sprache nicht mehr so einheitlich und natürlich wirkt wie auf deutsch. Wie übersetzt man z.B. ”Die Sprache spricht” in´s Finnische? Wie stellt man den Unterschied zwischen Sein und Dasein dar? Ich glaube, wenn ein Finne oder ein Este über das Sein spekulieren würden, würden sie solche Ausdrücke in Betracht ziehen wie die estnischen Ausdrücke:

-on olemas: existiert

-on olemata: existiert nicht

-olemasolu: Existenz

-olemasolemine: existieren/Dasein

-olemata olemine: nicht existieren, Nicht-Sein.

Die ethymologische Nähe z.B. solcher finnischen Wörter wie

-ilman: ohne

-ilma: Luft, Wetter, Wind

-ilmestyä: erscheinen, sich zeigen, vorkommen

-ilmoittaa: mitteilen

und ähnlicher könnte unsere Gedanken sehr anregen.

12. Was sind die gemeinsamen Züge der finno-ugrischen Sprachen, die aus der Perspektive der Philosophie wesentlich sein könnten? Gibt es solche Züge überhaupt?

Meiner Ansicht nach gibt es sie. Alle finno-ugrischen Sprachen sind reich an Onomatopoetik (Ideophonie). Onomatopoetisch sind nicht nur die spezifischen Wörter, die Stimmen und Geräusche beschreiben wie z.B. im Finnischen

-hupsis: hoppla

-sihinä: Zischen

-rapina: Gerassel, Geprassel, Gekritzel,

sondern auch viele andere. Es ist nicht schwer, Beispiele zu finden. Sowohl das finnische puhua als auch das estnische rääkida (beide bedeuten sprechen) sind ursprünglich onomatopoetisch. Rääkida bezeichnete ursprünglich die Stimme eines Vogels: des Wiesenschnarrers, sein rääkäisy - Geschrei, Krächzen. Das finnische puhuminen (Sprechen) bedeutete ursprünglich puhallus (blasen, pusten), wie jetzt noch in der estnischen Sprache. (Die estnische Entsprechung für Heideggers Satz die Sprache spricht dürfte vielleicht auch den Wiesenschnarrer berücksichtigen …)

Onomatopoetische Wörter sind oft Paare wie das finnische sikin sokin - durcheinander, kunterbunt oder das estnische pillapalla - mit ähnlicher Bedeutung . Das betont die Ungenauigkeit solcher Wörter. Das onomatopoetische Wort ist ein unvollständiger Versuch, Dinge oder Erscheinungen zu beschreiben. Oft geben zwei solcher ungenauen Wörter ein besseres Bild als eins. Ausserdem zeigt das Wortpaar, dass es nicht einen einzigen genauen Namen oder Begriff gibt; man muss mit den ungenauen zurecht kommen. Zwischen den Wörtern und den Dingen kann es keine Eins-zu-Eins-Entsprechung geben. Die Dinge haben oft nicht nur einen richtigen Namen. In einer Sprache, die reich ist an Onomatopoetik, findet sich wahrscheinlich eine Neigung zum Nominalismus. Das kann man jedenfalls meiner Ansicht nach in den finno-ugrischen Sprachen beobachten. Die indoeuropäischen Sprachen, zumindest die in der Philosophiegeschichte wichtigen Sprachen wie Griechisch, Sanskrit, Latein und Deutsch, in denen die Onomapoetik sehr begrenzt ist, neigen meiner Ansicht nach eher zum Realismus.

13. In den finno-ugrischen Sprachen treten nicht nur die onomatopoetischen Wörter als Paare auf, sondern auch andere: mit Hilfe von Wortpaaren werden Allgemeinbegriffe gebildet. Besonders viele dieser Wortpaare gibt es in den mordwinischen Sprachen - im ersja und im moksha. Beispiele sind:

-ojt´ - vel´kst: Butter - Sahne = Milchprodukte

-kar´t - prakstat: Bastschuhe - Fellschuhe2 = Schuhe, Schuhwerk

-leit´ - latk: Schlucht (Tal) - Öffnung = holperiger Ort

-sel´me - tshama: Augen - Gesicht (Gesicht)

-sedeit´ - maksot: Herzen - Leber (innere Organe, Eingeweide).

Auch in den anderen finno-ugrischen Sprachen wie im Ungarischen, Finnischen oder Estnischen finden sich Allgemeinbegriffe, die mit Hilfe gleichartiger Wortpaare gebildet werden. Beispiele im Estnischen sind

- käed - jalad: Hände - Füsse = Grenzen

- suud - silmad: Gesicht und Teile des Gesichts wie Mund, Augen, Nase usw.

- kopsud - maksad: Lunge - Leber = innere Organe, Eingeweide

- luud - likmed: Knochen - die stärkeren Teile des Körpers = das Skelett, Gerippe.

Die Entsprechung zum ojt´- vel´kst im ersja ist in der finnischen Sprache maittotuoteet, im Estnischen piimatooted, im Russischen molochnyie izdelia - Milchprodukte. Kart´ - prakstat sind auf Finnisch jalkineet, auf Estnisch jalatsid oder jalanoud - Schuhe, Schuhwerk. sukst - unzhat, finnisch madot - kovakuoriaiset, im Estnischen sitikad - satikad - Würmer-Käfer sind widerliche Insekten. Auf diese Weise werden im ersja - Sprache) Allgemeinbegriffe oft auf eine andere Art gebildet als in den bekannten europäischen Sprachen.

Analogien kann man auch in der Mathematik finden. Eine Menge kann man auf zweierlei Weise bezeichnen. Man kann entweder von der Menge A sprechen und sie mit einem speziellen Namen bezeichnen oder von der Menge {a, b, ... i} und alle ihre Elemente aufzählen. Die westeuropäischen Sprachen, und unter ihrem Einfluss auch das Finnische und das Estnische, verwenden in der Hauptsache das erste Verfahren, ersja sehr oft das zweite. In der Sprache der Mathematik gibt es keinen Unterschied zwischen diesen beiden Verfahren, aber anders in der alltäglichen Sprache. Weil die Philosophie mehr die Alltagssprache verwendet, ist es sicher, dass der fragliche Bezeichnungsunterschied auch die Philosophie beeinflussen würde, insbesondere eine sprachgebundene heideggeriansiche Philosophie, wenn man eine solche z.B. in ersja entwickeln würde.

14. Wenn wir an Stelle des Wortes ”Schuhe” das Wortpaar ”Schuhe - Stiefel” verwenden, anstatt von ”inneren Organen” von ”Lunge-Leber” und anstatt von ”Milchprodukten” von ”Butter-Sahne” sprechen, betonen wir eine Ebene der Wirklichkeit mehrals die anderen. Bestimmte konkrete Dinge haben ihren Namen. Namen von Dingen, die auf einem höheren, allgemeineren Niveau angesiedelt sind als die konkreten Dinge, werden mit Hilfe von Wortpaaren gebildet - diese ”allgemeineren Dinge” haben keine eigenen Namen. Das bedeutet, dass Allgemeinbegriffe, Universalien, nicht auf dieselbe Weise wirklich, real sind wie die einzelnen Dinge, die Partikularitäten. Finno-ugrischen Philosophen wäre noch dazu wohl kaum in den Sinn gekommen, Universalien und Partikularitäten zu unterscheiden, eher hätten sie vielleicht den Unterschied zwischen bezeichneten, mit einem Namen versehenen und namenlosen ”Dingen - Erscheinungen” hervorgehoben. Eine eigene Ideenlehre wie die von Platon hätte im finno-ugrischen Sprachgebiet daher wohl auch kaum entstehen können. Wir können vielleicht annehmen, dass es für Schuhe, Stiefel, Bastschuhe und Fellschuhe jeweils eigene Ideen gibt, aber es wäre sehr fremd, zu glauben, dass ”Schuhe-Stiefel” als Wortpaar eine gemeinsame Idee hätte(n). Der Allgemeinbegriff ist im ersja unbestimmter, verschwommener, er würde sich mit der deutlichen, klar umrissenen platonischen Idee wohl kaum vertragen.

15. Man kann einen Begriff auf verschiedene Weise bestimmen. Im westlichen Denken ist seit Aristoteles hauptsächlich die Bestimmung durch die Definition verwendet worden. Ich habe versucht, darzustellen, dass die Begriffe der Alltagssprache nicht aristotelisch bestimmt werden, sondern meistens mit Hilfe von ”"Prototypen”". Die Aristotelische Definition zieht einen Grenzstrich zwischen A und Nicht-A und erklärt, auf welche Weise sich A von allem anderen unterscheidet. Zum Beispiel unterscheidet der Verstand/die Vernunft den Menschen von anderen lebenden Wesen, wie man auch jetzt noch glaubt. Eine solche Definition nähert sich dem Begriff von oben (per genus proximum) und vom selben Nievau (per differentiam specificam) her, aber nicht von unten: bei der Bestimmung des Menschen ist keine Rede von den verschiedenen Rassen oder konkreten Menschen.

Wenn man den Begriff mit Hilfe von Prototypen bestimmt, gibt man eine Aufzählung seiner typischsten, gewöhnlichsten und wichtigsten Vertreter, mit anderen Worten eine Reihe der wichtigsten Elemente bzw. man bestimmt den Begriff von unten. Viele Begriffe unserer Alltagssprache haben keine gut aristotelische Bestimmung (Definition). Zum Beispiel das Wort ”Blume”. Es ist unmöglich, die Blume von anderen Pflanzen zu unterscheiden, insbesondere, wenn man die Pflanzen und ihre Teile in Betracht zieht, die in der japanischen Blumenbindekunst Ikebana, die gegenwärtig auch in den westlichen Ländern sehr beliebt ist, verwendet werden. Aber diese Unbestimmtheit stört die Blumenhändler oder die Käufer der Blumen überhaupt nicht. Gerade das Wort ”Blume” wird mit Hilfe von Prototypen bestimmt. Blumen sind Rosen, Mohnblumen, Lilien, Margeriten, Kornblumen usw.. Sie erinnern an andere Pflanzen wie Nadelbäume, Kakteen oder Farne. Die Bestimmung des Wortes Blume ist offen. Der mit einer Flechte bewachsene abgestorbene Zweig, die Distel oder ein grosser Zapfen - all das kann gegenwärtig die Rolle einer Blume spielen und in der Zukunft vielleicht noch etwas anderes.

16. Die aristotelische Bestimmung ist begrenzend. Sie bestimmt eine klar umrissene Menge, d.h. von allen Dingen (Gegenständen) kann man sagen, ob sie Elemente der fraglichen Menge sind oder nicht.

Die prototypische Bestimmung ergibt keine klar umrissene Menge und deshalb sind ihre Grenzen unklar, verschwommen, wenn wir dieses Wort benutzen wollen. Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, ob sie Elemente der Menge sind oder nicht. Von allen am deutlichsten bestimmt sind die Begriffe der schon erwähnten ”konkreten Ebene”: Stiefel, Schuhe, Rosen und Lilien. Die Begriffe höherer Ebenen, die Allgemeinbegriffe sind verschwommener. Vielleicht verwendet man aus diesem Grund für ihre Bezeichnung oft Wortpaare.

Das Wortpaar gibt eine minimale Aufzählung, d.h. es bezeichnet zwei Prototypen aus einer Menge typischer Elemente. Schuhe sind im ersja vor allem Bastschuhe und Fellschuhe, die wichtigsten inneren Organe sind, neben dem Herz, die Lungen und die Leber. Aber Elemente der Menge ”Bastschuhe-Fellschuhe” sind auch Schuhe und Stiefel, Elemente der Menge ”Lunge-Leber” sind auch der Magen, die Nieren und die Därme.

Die Aristotelische Definition bestimmt die Menge durch ihre ”Grenzen”, die prototypische Bestimmung verdeutlicht sie durch das ”Zentrum”. Die Aristotelische Definition schafft die Grundlage für die Klassifikation, die prototypische für die Ordination. Die indoeuropäischen Sprachen sind in der Hauptsache klassifizierend, die finno-ugrischen mehr ordinierend.

17. Der allgemeinen Ansicht nach fordert genaues Denken Definitionen, das Ziehen klarer Grenzlinien zwischen den Begriffen. Aber nicht immer ist es notwendig so. Norbert Wiener stellt zu Beginn seines bekannten Buches Kybernetik dar, dass es einen klaren Unterschied zwischen Sternen und Wolken gibt. Sterne kann man zählen, Wolken nicht, weil die Wolke ihrer Natur nach eine unzusammenhängende, zerstreute, verschwommene Erscheinung ist und man ihre Grenzen daher oft nicht ziehen kann. Wenn man wirklich versucht, die Grenzen der Wolken zu bestimmen oder sie zu zählen, ist man in der Tat ungenau.

Ebenso wie in der Natur gibt es in der Semantik viel Unbestimmtheit und Verschwommenheit. Wenn wir die Sprache präzisieren und gut definierte Begriffe anstatt der prototypischen in Gebrauch nehmen wollen, müssen wir alle Begriffe neu bestimmen. Das wäre der Gipfel des Sprachsadismus, der aber bisher unerreicht blieb. Es ist auch nicht sicher, ob eine solche, auf Definitionen gegründete Sprache überhaupt brauchbar wäre.

In den Wissenschaften, von der Philosophie, Geschichte oder Philologie ganz zu schweigen, wird ständig die Alltagssprache verwendet, in der nur einige Begriffe eine definierte Bedeutung haben. Man hat versucht, sie zu definieren, obwohl es nicht immer gelingt. Wir müssen inmitten von Erscheinungen leben, die zum grössten Teil unzusammenhängend und verschwommen sind. Aus diesem Grund haben unsere Sprachen auch Mittel entwickelt zur Darstellung dieser Verschwommenheit. Ich glaube, dass in den finno-ugrischen Sprachen diese Mittel ursprünglich sehr kompliziert gewesen sind. Die Untersuchung unserer Sprachen könnte demjenigen Anregungen geben, der z.B. eine Logik und Philosophie des Verschwommenen entwickeln wollte. Auf alle Fälle hätte ein mordwinischer Heidegger eine ganz andere Philosophie geschaffen als der deutsche.

Wahrscheinlich wäre es den Wissenschaftlern auch möglich, zu zeigen, dass die finno-ugrischen Sprachen von Menschen gesprochen werden, die über Jahrtausende in Gegenden gelebt haben, in deren Klima und Landschaft es weniger klare Grenzlinien gibt als zum Beispiel im Gebiet des Mittelmeeres.

18. Unter dem Einfluss ihrer indoeuropäischen Nachbarsprachen haben die finno-ugrischen Sprachen einen Teil ihrer ursprünglichen Züge verloren. Dennoch sind auch viele solcher Züge erhalten, obgleich man sie oft nicht verwendet und nicht gut kennt. Möglichkeiten einer alternativen, sprachmasochistischen Philosophie, die von den westlichen Sprachen abweicht, gibt es daher weiterhin in den finno-ugrischen Sprachen. Die Frage ist, ob man es wagt, sie zu verwenden und ob es sich lohnen würde. Gäbe die finnisch-ugrische Philosophie uns etwas, das die indoeuropäische und chinesische Philosophie nicht kann? Die Antwort hängt von unseren Werten und von unseren Sympathien ab. Heideggers gewaltige Beliebtheit zeigt wohl jedoch, dass man eine derartige Philosophie braucht: Heidegger wird gelesen und interpretiert. Gut möglich ist auch, dass eine Heideggerianische oder andere sprachgebundene Philosophie auch die andere Philosophie beeinflussen könnte, vielleicht sogar die Analytische Philosophie.

19. Wie könnte eine finno-ugrische Philosophie beschaffen sein, die in unseren Sprachen als Möglichkeit versteckt, aber bis zum heutigen Tage unverwirklicht, unrealisiert ist? Ich glaube, dass sie bestimmte eigene Grundzüge hätte:

1. Konkretheit und phänomenologischer Nominalismus

In der Wirklichkeit gibt es ”gegebene” Dinge-Erscheinungen, die wir ohne Probleme bezeichnen können. Die ihnen entsprechenden Wörter sind Namen für konkrete Dinge und Tätigkeiten. Zum Beispiel: Mari kaufte im Laden ein Kilo Wurst. Juri legte den Schlüssel unter die Matte. Andere Dinge-Erscheinungen haben nicht ohne weiteres einen eigenen klaren Namen. Man kann sie auf viele verschiedene Weisen benennen. Sie sind Allgemeinbegriffe, Gefühle und andere psychische Erscheinungen, aber auch Namen selbst. Auch der Metadiskurs oder die Erklärung dessen, was ”Mari”, ”kaufen”, ”Laden”” und ähnliches eigentlich bedeuten, ist kein genauer Diskurs. So gibt es in unseren Diskursen ein klares Zentrum und unklare (unscharfe) Ränder.

Zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten gibt es keine klare Grenzlinie, d.h. wir sprechen oft über unklare Sachen. Dafür braucht man eine andere Sprache als wenn wir von konkreten Dingen sprechen. Wenn das Ding nicht deutlich ist, hat sie keinen eigenen echten Namen, so dass man sie auf viele Weisen bezeichnen kann. Passend ist es, mehrere Namen gleichzeitig zu gebrauchen, wie z.B. ”Ding-Erscheinung”, ”Prosadichtung”, ”finnisch-ugrisch”, ”Schriftsteller-Philosoph”. Von fernen, halb namenlosen Dingen kann man auf viele verschiedene Weisen sprechen, man kann sie auf viele verschiedene Weisen erklären. Philosophien gibt es viele, und auch die Philosophie selbst ist keine klar umrissene Erscheinung. Zwischen ihr und der Literatur ebenso wie der Mythologie gibt es ebensowenig einen klaren Grenzstrich wie zwischen der Logik und der Sprachforschung andererseits.

2. Induktivität

Die Elemente bestimmen die Menge, nicht umgekehrt. Obgleich die Welt für den Physiker aus Teilchen und Feldern besteht, ist ihre Grundlage in der alltäglichen Sprache die konkrete Ebene der Dinge-Erscheinungen. Ausgehend von ihnen muss das andere nach bestimmten Regeln der Induktion bestimmt werden, nach den Regeln einer ”Anfangs-Logik (Vor-Logik)”, die ihrerseits etwas uns gegebenes ist, so wie Ding-Erscheinung. Die Aufgabe der Philosophie ist auch die Analyse dieser A nfangs-Logik (Vor-Logik).

3. Alternativer Sprachgebrauch

Wir versuchen, die Grenzen des Konkreten zu erweitern, d.h. das vom konkreten Niveau, der Ebene des Konkreten weit Entfernte (Fernliegende), Namenlose und Halb-Namenlose zu erkennen, zu bezeichnen und zu erklären. Aber wir irren uns, wenn wir von diesem Fernen ebenso sprechen wie vom Nahen, vom Nicht-Konkreten auf dieselbe Weise wie vom Konkreten. Unsere Vorväter waren vorsichtiger. Sie verwendeten zur Beschreibung ungenauer Dinge-Erscheinungen eine andersartige Sprache.

Ein gutes Beispiel bietet die Onomatopoetik oder Ideophonie. Mit ihr spricht man von unbestimmten Dingen-Erscheinungen. Deshalb spricht man von ihnen "ikonisch", Stimmen und Bewegungen nachahmend. Der ikonische, nachahmende Sprachgebrauch gestattet es, zwischen z. B. die finnischen Wörtern

-sihinä und suhina: Zischen - Rauschen, Sausen, Rasseln

-ripinä und rapina: Rieseln, Bröckeln, Rascheln - Geprassel, Gerassel, Gekritzel

- kihinä, kahina und kohina: Zischen (Gewühl3) - Rascheln, Rauschen (Streit, Krach) - Sausen, Brausen (Trubel)

zu unterscheiden, ohne dazwischen genaue Grenzen zu ziehen.

Ein besonders wichtiges, aber auch schwer zu beschreibendes und zu bezeichnendes Feld ist der zwischenmenschliche Umgang und der Umgang des Menschen mit der Natur. Denken wir z.B an unsere Gefühle und Verhaltensweisen zur Umwelt, ”Gefühle-Gedanken” in der Beziehung zu Anderen und Gefühlen-Gedanken Anderer. Eine deskriptive Sprache erweist sich hier als ungeeignet, aber die Sprache der Dichtung kann auf diesem Feld sehr hilfreich sein..

In der finno-ugrischen Dichtung gibt es spezielle Züge, deren philosophisch-logische Analyse sich sicherlich lohnen würde. Im Parallelismus der ostseefinnischen, ersja-moksha und obugrischen Volksdichtung finden wir Wortpaare oder Wortlisten, die klar zum selben Paradigma gehören wie die oben erwähnten Wortpaare. Unsere alte Poetik ist eine Poetik der Konkretheit und der Unbestimmtheit zugleich. In einem estnischen Lied (ein Variant von dem Bertolt Brecht geschätzten und übersetzten Kriegsliedes) heisst es:

Harak toi sõa sõnumid, vares kandis vaenu keele,

Der Elster brachte Kriegsnachrichten, die Krähe trug Wörter der Feindschaft.

Man könnte fragen, ob beide Vögel die Kriegsnachricht bringen oder nicht. Der Vogel ist einfach nicht klar bestimmt. Ein Vogel, den man mit dem Namen (Wortpaar) ”vares-harakas (deutsch: Krähe - Elster) bezeichnen könnte, hat die Botschaft gebracht.

Beispiele dieser Art finden sich zu tausenden. Es klingt vielversprechend, dass wir ein fast vollständiges Bild der Semantik von den finno-ugrischen Sprachen, ihres Weltbildes bekommen können. Sowohl in den Wortpaaren als auch im Parallelismus der Volkslieder kommen die semantischen Strukturen der Sprache zum Vorschein. In beiden Fällen geht es um die geordneten Mengen der Begriffe. Es würde sich also lohnen, genauer zu untersuchen, ob diese Ordnung in den finno-ugrischen Sprachen wirklich eine andere ist als in den indoeuropäischen Sprachen.

20. Die Finno-Ugrier bewohnen die Welt nicht allein. Wir und unsere Sprachen haben Verbindungen zu anderen Sprachen und Philosophien. Typologisch scheinen die finno-ugrischen Sprachen meiner Ansicht nach in vielerlei Hinsicht den ost- und südasiatischen Sprachen näher zu sein als den westeuropäischen, vor allem dem Japanischen und dem Koreanischen sowie der Drawida-Sprache in Indien. In der Tamilen-Sprache wird z.B. die Negation verbförmig ausgedrückt wie im Finnischen. Alle diese Sprachen sind besonders reich an Onomatopoetik, aber es gibt auch andere gemeinsame Züge.

In den erwähnten asiatischen Sprachen gibt es neben der Onomatopoetik andere interessante Möglichkeiten, Unbestimmtheit auszudrücken. Oft werden uns bekannte Wortpaare verwendet, in der Drawida-Sprache mit eigenen besonderen Zügen. Die interessantesten von ihnen sind die sogenannten Echowörter (echo words). Baum heisst auf tamilisch maram, aber wenn man von Bäumen und baumartigen Pflanzen sprechen will, sagt man maram-kiram. Kaffee und kaffeeartige Getränke sind kaappi-kiippi. In der Kannada-Sprache bedeutet pitil Geige, Geigen und geigenartige Instrumente sind pitil-gitil.

Die einzige Sprache des Fernen Ostens, die eine eigene ursprüngliche Philosophie entwickelt hat, ist das Chinesische. In der chinesischen Sprache sind Wortpaare sehr beliebt, und einige von ihnen sind auch als Begriffe im Gebrauch, wie z.B. shan-shui - Landschaft, wörtlich Berg - Wasser. Feng-yu, Wind - Regen bedeutet Wetter, bing-xü, Eis - Schnee strenger Frost.

Als übersetzer klassischer Texte des Chinesischen habe ich die Erfahrung gemacht, dass die chinesischen Texte leichter ins Estnische oder Finnische zu übersetzen sind als zum Beispiel in´s Französische oder Italienische. Französisch, Italienisch und Spanisch sind möglicherweise typologisch weiter entfernt von den finno-ugrischen Sprachen als das Deutsche und insbesondere das Englische. Die zuletzt erwähnten sind näher; zwischen unseren Sprachen kann man Wechselwirkungen beobachten. Dennoch hat sich die Tiefenstruktur des Finnischen, Estnischen und auch des Ungarischen ungeachtet dessen, dass die westeuropäischen Sprachen sie massiv beeinflusst haben, als sehr eigenständige erhalten. Dasselbe kann man von der mordwinischen Sprache sagen, in deren Lexik es von russichen Lehnwörtern wimmelt.

Von den exotischsten Entsprechungen zu einer möglichen finno-ugrischen Philosophie möchte ich die Nahua-Philosophie erwähnen. Der mexikanische Wissenschaftler Miguel León-Portilla hat ein Buch mit diesem Namen geschrieben: Nahua - Philosophie. Eine der Besonderheiten der Nahua - Philosophie, die er betont, ist der Gebrauch von sogenannten Diphrasismen, Wortpaaren, zum Ausdruck abstrakter Begriffe. Einige Proben sind zum Beispiel:

-in cueitl in huipilli: Rock - Hemd = Frau als sexuelles Wesen

-tlilli tlapalli: schwarze Tinte - rote Tinte = Farbe, Farblichkeit

-yohualli eecatl: Nacht - Wind = das Unsichtbare, Unerreichbare .

21. Zur Zusammenfassung: Ich glaube, dass die finno-ugrischen Sprachen die Möglichkeit bieten könnten, eine andersartige Philosophie zu entwickeln als die indoeuropäischen Sprachen. Eine solche Philosophie hätte wahrscheinlich gemeinsame Züge mit der chinesischen und anderen asiatischen Philosophien, aber auch mit gegenwärtigen Denken, das von der Logik des Verschwommenen (fuzzy logic) ausgeht . Was eine solche Philosophie uns an Neuem und Wertvollen geben könnte, lässt sich schwer sagen, weil sie noch nicht entwickelt wurde. Eine Möglichkeit besteht darin, dass eine finnisch-ugrische Philosophie zur indoeuropäischen auf irgendeine Art ”komplementär” wäre.

Wir könnten sagen, dass, wenn die Sachen nicht einen einzigen ”richtigen” Namen oder eine einzige ”richtige” Definition haben, dann gibt es auch nicht eine einzige ”richtige” Philosophie oder philosophische Tradition. Verschiedene Philosophien sind notwendig, um die Welt, die uns oft kompliziert und unklar erscheint, zu verstehen, aber auch, um unser Verstehen zu verstehen. Die Existenz vieler verschiedener Philosophien schafft die Voraussetzungen für etwas, was man Metaphilosophie nennen könnte. [Wozu braucht man Metaphilosophie? - C.H. Um eine bessere Übersicht zu haben von der Menge aller möglichen Philosophien - J. K.]

Wir könnten fragen, ob eine finnisch-ugrische Philosophie, wie ich sie hier anzudeuten versucht habe, überhaupt Philosophie wäre. Könnte man sie Philosophie nennen, oder ginge es im besten Fall um irgendein philosophisches Bestreben, das durch die Besonderheiten der finno-ugrischen Sprachen inspiriert wurde? Das ist jedoch eine sehr indoeuropäische Frage. Als Antwort könnten wir gut die tamilische Sprache benutzen und sagen, dass der Gegenstand, von dem ich zu sprechen versuche, nicht genau Philosophie ist, sondern vielleicht Philosophie-Kilosophie, etwas philosophieartiges, das jedoch ein Recht hat, zu sein. Es hat ein Recht, zu sein - ein Recht, das die Europäer anderen, andere Sprachen sprechenden, oft bestritten haben.

Übersetxung von Carola Haentsch