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EIS UND HEIDE

Bemerkungen eines Wanderers

1

Steine habe ich überall gesammelt und nach Hause getragen. In Saaremaa. In Armenien. In Irland. In Britisch Kolumbien. In Armenien habe ich sogar ein Gedicht geschrieben, das einzige Gedicht, das ich jemals in russischer Sprache schrieb:"Stikhi ob armianskom kamne". Als ich einen Trinkspruch ausbringen sollte, trank ich auf Armeniens Steine. Steine werden zu Sand, Sand wird zu Erde, und aus der Erde wächst das Essen und der Wein, der die Armenier zu Armeniern gemacht hat. Ein Schriftsteller aus Leninakan (heute Gyumri) versprach, er werde versuchen, mein Gedicht in armenischer Übersetzung zu veröffentlichen. Ich weiss nicht, ob er es getan hat, ich weiss noch nicht einmal, was aus ihm und den anderen Menschen geworden ist, denen ich in dieser Stadt begegnete, nachdem das grosse Erdbeben Armenien traf und die Stadt Leninakan in einen Schutthaufen verwandelt wurde, genauso wie meine Geburtsstadt nach dem Nordischen Krieg, wie es ein altes Klagelied in meinem heimatlichen Dialekt beschreibt.

Es gibt viele Steine in Armenien, aber ich hatte nicht viel Zeit für sie, wie immer auf meinen Reisen. Einmal bat ich einfach den Fahrer, kurz anzuhalten: so konnte ich aus dem Auto steigen und ein paar Schritte in die Berge tun, um nach Steinen Ausschau zu halten.

Im Grunde besteht Armenien vollständig aus Stein, es ist ein einziger riesiger Felsen, eine Felseninsel im Nahen Osten, ein Massengrab an Geschichte. Armenische Steinkreuze,"hackars", ähneln den irischen. Armenien selbst ähnelt Irland. Auch Irland ist eine Insel, eine Felseninsel. Von dort habe ich Kiesel nach Hause gebracht, die ich am Strand gesammelt hatte, und ein paar Muscheln. Die anderen wollten etwas essen gehen. Irgendwie wollte ich nicht mitkommen, ich wollte am Strand entlang gehen und nach Steinen suchen. Es war Ebbe, und ich fand ein paar hübsche Kiesel und Muscheln. Das war an der offenen Atlantikküste, an einem der westlichsten Orte Europas, wo die Sonne in den Ozean versinkt und die Seelen der Toten sich auf die Reise über das Meer machen, nach dem Glauben der alten Kelten und wahrscheinlich auch ihrer modernen Nachkommen.


2

Zweimal bin ich in Lappland gewesen. Das erste Mal kurz nach unserer Hochzeit. Tiia war schwanger, aber sie kam trotzdem mit. Sie war jung, zäh und glücklich. Wir überquerten ein paar Bergpässe und sammelten Steine - weisse Flintsteine mit schwarzen und gelben Flechten darauf. Solche Flechten habe ich sonst nirgends gesehen. Einer dieser Steine wog mehrere Kilo. Bei einem Umzug ging er verloren; den anderen, kleineren haben wir noch.

In Lovozero, Luuiavr in der samischen Sprache, begegneten wir einigen Samen. Die meisten waren betrunken. Die Russen und Komis lachten über die kleinen Samen, die im Laden umhertorkelten. Wir kamen in ein Haus, wo alte Frauen sangen. Die eine sang ihr pers önliches Lied, ihr "Schicksalslied", wie es in der ethnographischen Literatur heisst, und dann brach sie in Tränen aus.


3

Hier in Estland liegt der Felsgrund tief unter der Erde. Die Steine, die man bei uns findet - Kiesel, Schleudersteine, Felsbl öcke - haben ihren Ursprung nicht hier. Sie kommen von anderswo, aus Finnland, aus Schweden, aus Lappland. Selbst der Sandstein und der Lehm kommen von dort, aus den Bergen Fennoskandias, von wo die devonischen Flüsse sie hertrugen. Der Sand sogar kommt von dort, wie auch die Erde. Auch wir sind ein Produkt der ständigen Arbeit der erodierenden, neptunischen Kräfte. Wir sind neptunische Nationen, wohlweislich anders als die plutonischen Nationen, deren Heimatland ein Tummelplatz chthonischer Kräfte an den Ufern des Mittelmeers ist, in Armenien und anderswo.


4

Eines der berühmtesten Gebäude meiner Heimatstadt Tartu war die Steinerne Brücke, eine Brücke aus behauenen Granitbl öcken. Sie war gebaut worden als Geschenk der Kaiserin Katharina an die Stadt, nachdem Tartu durch ein grosses Feuer verwüstet worden war. Im Zeitalter des Automobils taugte die alte enge Brücke nicht mehr für den Verkehr, aber eine Buslinie konnte sie noch überqueren. 1941, als sich die deutschen Armeen näherten, sprengten die Russen auf dem Rückzug die Brücke. Die Leute sagen, dass die Bl öcke mit Blei verfugt waren; um es zu schmelzen, verbrannte man grosse Haufen Brennholz darauf, einen Tag und eine Nacht lang. Man verwendete so viel Sprengstoff, dass die Bl öcke über das ganze Stadtzentrum verstreut wurden. Als ich ein kleines Kind war, lagen noch einige auf den Bürgersteigen herum. Später schaffte man sie fort. Wahrscheinlich wurden sie zu Schotter zermahlen. Es heisst auch, vor der Explosion seien zwar die Leute aus der Nachbarschaft evakuiert worden, aber die Soldaten hätten einen Mann vergessen, der in der Nähe in einem kleinen Pumpwerk arbeitete. Sowohl das Gebäude als auch der Mann überlebten, aber er war von der Explosion taub geworden. Es heisst auch, dass bei der Explosion einige Menschen ums Leben kamen. Nur einer der Fälle, von denen ich h örte, scheint gesichert: eine Frau eilte über die Brücke nach Hause, aber sie kam niemals an.

Zum gleichen Zeitpunkt, als die Brücke gesprengt wurde, wurden 192 Gefangene in dem Gefängnis umgebracht, das die Beh örden nicht mehr hatten evakuieren k önnen. Zu ihnen geh örte Leo, ein Neffe meiner Mutter. Er war durch reinen Zufall verhaftet worden; er besuchte gerade die Nachbarn, als der NKWD kam, um diesen Mann zu verhaften. Leo wurde mitgenommen. Später wurden die K örper der ermordeten Menschen aus dem Gefängnisbrunnen und der Kalkgrube geholt. Das wurde von neuen Gefangenen erledigt; wirkliche und angebliche Kommunisten, von denen später einige ihrerseits hingerichtet wurden. Es heisst, die in dem Brunnen und besonders in der Kalkgrube gefundenen Leichen seien so entstellt gewesen, dass man einige nur anhand ihrer Kleidung hätte identifizieren k önnen.


5

Wir haben das alte Bauernhaus vor neunzehn Jahren gekauft. Sein letzter Bewohner war ein alter Junggeselle, der in der Küche schlief und kochte - die anderen Räume waren nicht beheizt worden, und die B öden waren am zerfallen. Der Herd zog nicht, die Decke war verrusst und voller Spinnweben. In der unmittelbaren Umgebung des Hauses standen keine Blumen, nur ein paar grosse Eschen und in der Nähe ein paar Fliederbüsche. Die Zäune verfielen, die Dächer leckten. Schon am ersten Abend wurde mir klar, dass ich nun die Zäune, die Decken, die B öden, die Leitungen, den Brunnen und die Latrine reparieren und ausbessern müsste, und dass dieses Reparieren und Ausbessern niemals ein Ende finden würde. Ich begriff aber auch, dass unser ganzes Leben aus solchem Reparieren und Ausbessern besteht: der ständige Versuch, einen alternden K örper, ein nachlassendes Gedächtnis, zerfallende Kleider und ein verfallendes Heim in Ordnung zu halten, wenn man denn ein Heim hat. Das Leben ist nichts anderes als eine endlose Reparatur.


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Dieses alte Bauernhaus ist nun unser Zuhause, für mich und meine Familie. Ich habe die meisten Dächer repariert, zur Isolierung weiche Pappe und Sperrholzplatten an die Wände genagelt, neue B öden gelegt und eine Brunneneinfassung aus Beton gegossen. Ein Mann mit einem Bagger hob mir hinter der Sauna einen Teich aus, und auf dem Grundstück der ehemaligen Besitzer pflanzte ich etwa hundert Bäume und Sträucher. Am schnellsten wachsen die Lärchen: einige erheben sich bereits über das Dach; und auch die Birken, Eichen und Kiefern sind schon so gross, dass die Kinder in ihnen herumklettern k önnen. Ich habe auch ein paar exotische Bäume gepflanzt. Einige sind gut angewachsen, zum Beispiel die Drehkiefer, "pinus contorta", die aus Nordamerika kommt und sich von unseren Kiefern vor allem dadurch unterscheidet, dass ihre Nadeln, Sch össlinge und sogar Zweige verdreht sind. Die japanische Korkeiche war bereits ein grosser Baum, als sie vom Winter beschädigt wurde. Die meisten ihrer Äste starben ab; nur ein kleinerer ist noch am Leben. Mehrere andere Bäume haben ebenso unter der Kälte gelitten. Die Tannen, die ich am liebsten mag, werden oft von Rehb öcken beschädigt, die ihr Geh örn an den Bäumen scheuern und dabei häufig die Rinde abschaben: so markieren sie ihr Gebiet. Manchmal greifen sie auch Eichen, Linden und Lebensbäume an, aber diese erholen sich besser von ihren Verletzungen.


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In Oslo besuchten wir das Museum für Wikingerschiffe, wo neben den restaurierten Schiffen viele Objekte ausgestellt sind, die in den Schiffen von Oseberg, Gokstad und Tune gefunden wurden; in diesen Schiffen waren die Adligen beigesetzt worden. Fast alle diese Objekte - die gesamte künstliche Umgebung der frühen nordischen Menschen - waren aus Holz: Teller, Wannen, Fässer, Stühle, Wagen, Schlitten, Drachenk öpfe, Tassen, L öffel, Betten, Häuser ... In einem Schaukasten mit Objekten aus dem Oseberg-Schiff lag ein rundes Stück Holz mit unbekanntem Verwendungszweck, das die Runeninschrift LITILIUSM trug, die richtig LITILL VISS M hätte geschrieben sein müssen - "Wenig weiss der Mensch" - und auch diese Interpretation ist keineswegs gesichert. Auf einem Schiff sahen wir das Bild eines kleinen Mannes, der mit gekreuzten Beinen dasass; das Schiff wird im Scherz "der Buddha-Eimer" genannt. Wer weiss, vielleicht kommt dieser kleine Mann tatsächlich aus Mittelasien und vielleicht kommt auch das Tierornament der Wikinger von dort. Dann k önnte sein Modell durchaus eine Buddha-Statue aus dieser Region gewesen sein, neu interpretiert und nachgeschaffen von einem einheimischen Handwerker.

Von den Schiffen selbst war ich tief beeindruckt. Sie waren so perfekt gebaut, dass es mit den Werkzeugen und Materialien jener Zeit nicht besser hätte gemacht werden k önnen. Bei den Wikinger-Schiffen handelt es sich um ausgeklügeltste Eisenzeit-Technik, und es ist kein Wunder, dass die Menschen, die über sie verfügten, fast ganz Europa von Kiew bis Irland beherrschten. Einer meiner norwegischen Freunde erzählte mir, dass unter den Leuten, die die Schiffe bauten, auch Samen gewesen seien. Die Samen waren in einigen Teilen Norwegens als hervorragende Bootsbauer berühmt.


8

Ich mag Lebensbäume oder Thujas, auch wenn die meisten meiner Freunde nichts für sie übrig haben. Sie halten Lebensbäume für Friedhofsbäume. Für mich sind sie vor allem nordamerikanische Bäume, und einer von mehreren Orten, an denen ich mich sehr zuhause gefühlt habe, war Vancouver an der kanadischen Pazifikküste. Zum Teil fühlte ich mich deswegen so zu Hause, weil ich dort viele jener Bäume antraf, die in Amerika auch Zedern genannt werden, oder Douglasien, Schierlingstannen, Zypressen und Tannen. All diese Bäume haben weiche Nadeln, und die ozeanische Luft an der Pazifikküste ist sanft und mild, so dass sie gut zu atmen ist und man sich wohl fühlt. Atmen ist fast dasselbe wie sein: das haben mich meine Kontakte zu chinesischen Taoisten und Bücher über deren k örperlichen Übungen - "taiji" und "cigong" - gelehrt.


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In Wirklichkeit ist das alte Bauernhaus, der Baumgarten und der Garten für mich mehr als nur ein Zuhause. Eigentlich habe ich viele Orte, wo ich zuhause bin, ich weiss nicht einmal wie viele. Ich habe sie zu finden versucht, auf verschiedene Weise. Manchmal lasse ich mir von Bäumen helfen. Finde ich einen Baum, der mir gefällt, dann muss der Platz, wo er wächst, ein Zuhause sein. Das gilt natürlich nicht nur für Bäume, sondern auch für andere Pflanzen, für die natürliche Umgebung insgesamt, für die Landschaft. In Bäumen zeigt sich der Geist des Ortes, der "genius loci", mit gr össerer Klarheit und Kraft als in anderen Pflanzen, stärker sogar als in Tieren und Menschen. Vielleicht mit ebenso viel Kraft wie in Steinen.

Ich spüre, dass ich wohl einem ökosystem angeh öre, in ihm meinen Platz habe, aber ich habe es noch nicht gefunden, oder nur Teile, Fragmente davon. Ich weiss nicht einmal, ob dieses ökosystem in der heutigen Welt überhaupt existiert. Vielleicht ist es ausgestorben, vielleicht ist es nur eine Sch öpfung, ein Konstrukt meiner eigenen Phantasie, zusammengesetzt aus Pflanzen, Steinen und Landschaften, die in der Natur niemals gemeinsam aufzufinden wären. Die Suche nach meinem Zuhause, nach meinem eigenen ökosystem ist dann ebenso seltsam wie die Anlage dieses Baumgartens, in dem eine amerikanische Lärche, ein mandschurischer Walnussbaum, eine kaukasische "Pterocarya" und unsere heimische Birke nebeneinander wachsen. Die Tiefland-Birke nennen die Leute oft Hänge- oder Trauerbirke. Ist es nicht seltsam, dass diejenigen, die keine Lebensbäume m ögen, mit Trauerbirken, Trauerulmen und -Weiden keine Schwierigkeiten haben?


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Mein Haus, mein Baumgarten, ist eine Anthologie m öglicher Heime, eine Sammlung von Orten, an denen ich mich zu Hause gefühlt habe, und diese Orte existieren vielleicht gar nicht, haben vielleicht niemals existiert. Einige von ihnen sind verschwunden: die Eiszeit, die Landwirtschaft, Wüstenbildung, Bergbau oder Kriege haben sie vollständig zerst ört. Vielleicht würde ich mich am wohlsten in den Pflanzengemeinschaften des Tertiärs fühlen, im Paläozän, als Sequoien, Gingkos und Magnolien in Nordeuropa das Landschaftsbild bestimmten. Aber ich weiss es nicht und werde es wahrscheinlich auch niemals wissen. Wenn es stimmt, dass die Zeit nur nach vorne fliesst. Aber was überhaupt bedeutet "Bewegung der Zeit"?


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Die Grashüpfer zirpen und sägen. Jede Nacht wird es lauter. Vielleicht h öre ich sie nur immer genauer. Mehr und mehr weisse Nachtfalter fliegen gegen die Fensterscheiben. Kleine Nachtfalter, die aus der Dunkelheit kommen und in die Dunkelheit zurückkehren. In der Wand tickt manchmal der Totenuhrkäfer. Genau wie vor neunzehn Jahren, als wir zum ersten Mal hierher kamen.


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Auch meine Gedichte und Prosagedichte sind Versuche, ein Zuhause zu finden, Anthologien bestehender und nicht-bestehender Heime. Wäre ich besser mit der Psychoanalyse vertraut, dann würde ich annehmen, dies rühre von der Tatsache her, dass ich als kleines Kind mein Zuhause verlor und in den Ruinen von Tartu in einer Wohnung zusammen mit vier oder fünf anderen Familien aufwuchs, und auf dem Land in den Häusern unserer Verwandten. Aber in Wirklichkeit sind die meisten Esten ohne Heim und Heimatland. Sie sind Emigranten, Flüchtlinge, verfolgt und als Fremde betrachtet selbst in dem Land, das ihr Heimatland sein k önnte und sollte. Jahrhundertelang waren wir Stiefkinder im Land unserer Väter, verstossen und verachtet von einer bösen Stiefmutter, ausgelacht und verh öhnt von ihren bösen Kindern. Dies erklärt viel, aber meine Leidenschaft für Bäume und Steine erklärt es nicht.


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Es gibt noch eine andere Art, nach deiner Heimat zu suchen: nach Pflanzen Ausschau zu halten, nach Arten, Gattungen und Familien, die sich wie du selbst verhalten, die eine Neigung zu den gleichen Orten haben wie du. Nach deiner eigenen Familie zu suchen unter denen, die ihre Namen von Carolus Linnaeus erhielten. Dich selbst mit Pflanzen zu identifizieren, dich als Pflanze zu betrachten oder zumindest als eng mit ihnen verwandt. Und dann zu schauen, wo ihre - will sagen deine - Verwandten wachsen, wie die Landschaft dort aussieht, welche Menschen dort leben, welche Sprache sie sprechen, welche Lieder sie singen. Auch das ist wichtig, wenn auch nicht so wichtig wie die Pflanzen selbst, die Flora und die Landschaft.


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Zu anderen Zeiten und an anderen Orten hatten die Menschen ihre Seelentiere, Totems, wie sie oft genannt werden, ihre Verwandten jenseits der Grenze, die wir Christen und Nach-Christen zwischen uns und anderen Lebewesen gezogen haben. Ich glaube, dass wir diese Verwandten auch heute noch haben, dass wir nicht nur der Gattung homo angeh ören, sondern auch einigen anderen Gattungen, ob wir das nun zugeben oder nicht.


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Vielleicht ist es keine Verwandtschaft von Linné her; vielleicht sind wir gar nicht so sehr mit einer Gattung oder Familie verwandt, sondern vielmehr mit einem ökosystem, einer Pflanzengesellschaft oder einer Lebensform. Vielleicht bedeutet es, dass wir verwandt sind mit dem "genius loci". Jedenfalls geh ören wir nicht nur, manchmal überhaupt nicht zu dem Ort, an dem wir geboren wurden und aufwuchsen. Unsere Bürgerschaft, unsere Ursprünge und Wahlverwandtschaften sind viel komplizierter. Wir sind Bürger der Welt, was jedoch nicht bedeutet, dass wir überall in der Welt v öllig zuhause wären. Nein, jeder von uns hat seine/ ihre eigenen Orte und Ortsgeister, hier und dort. Manche Esten sind spirituell eher amerikanische Eingeborene, manche sind Hindus oder Chinesen, manche eher Iren oder Franzosen als Esten. Selten k önnen wir herausfinden, wo unsere anderen Heimstätten sind, noch seltener können wir sie aufsuchen. Nur heutzutage, da entlegene Orte leichter zugänglicher geworden sind, k önnen einige verlorene Kinder ihr Zuhause finden. Selbst wenn es mehrere derartige Heimstätten gibt, wenn sie über andere Kontinente, Inseln und Meere verstreut liegen. So ist das wahrscheinlich mit mir.


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Vielleicht besitzt es auch eine gewisse Bedeutung, dass unsere Steine und unser Sand aus der Ferne kommen, aus Fennoskandia. Unsere Erde wurde getragen, wurde herbei geschwemmt aus fernen Ländern; aus fernen Ländern sind wir gekommen, alle Lebewesen an den Ufern der Ostsee. Eingeborene und keine Einwanderer sind die Menschen genaugenommen nur in Afrika und vielleicht auch in Südasien. Wir kamen hier vor etwa zehntausend Jahren an, wir kolonisierten ein Land, in dem die vorrückenden Gletscher alles Leben verdrängt hatten, wo selbst die Erde zermalmt, selbst das Land plattgedrückt war. Die Menschen kamen zurück in die Ruinen früherer Landschaften, wo sich allmählich neue Erde bildete und neue Pflanzen auftauchten. Das Land, die Landschaft wuchs zusammen mit den Menschen. Wir sind in diese Landschaft hineingewachsen, wir k önnen uns nicht erinnern, was früher hier war. Wir wissen nicht, auf welchen Ruinen wir unser Haus gebaut haben. Manchmal mache ich mir darüber Gedanken. Das ist seltsam.


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In Alta, auf einer felsigen Hügelkuppe, sah ich deutlich die Spuren eines Gletschers. Wahrscheinlich hatte das Eis ein scharfes Felsstück vor sich hergeschoben, das diese Kratzer verursachte. Ähnliche vom Eis gezogene Linien sind an einigen Orten in meinem Land, in Estland, im Kalkstein zu finden. Aus ihrer Richtung lässt sich bestimmen, wohin sich die Gletscher bewegten. Das lässt sich auch aufgrund der Steine und Felsen selbst festlegen; wenn wir wissen, wo die Mineralien zu finden ist, aus der sie bestehen, dann wissen wir auch, wo der Gletscher sie abbrach, um sie hierher zu bringen. Diese Felsen sind Stücke, Fragmente der Ruinen von Fennoskandia, dem Fennoskandia des Tertiärs, der Sequoien und Magnolien.


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Als ich zum ersten Mal von England nach Kanada flog, war der Atlantik von dichten Wolken bedeckt, so dass ich zu meiner grossen Enttäuschung den Ozean nicht sehen konnte. Ich schlief, dann wachte ich auf und setzte meine Kopfh örer auf, aus denen gerade ein Brandenburgisches Konzert von Bach zu h ören war. Als ich wieder nach unten schaute, waren da keine Wolken mehr, und das Flugzeug näherte sich soeben der Küste von Labrador. Unter uns erstreckte sich eine verschneite Landschaft mit vereisten Seen, Flüssen, Hügeln und Wäldern. Keine Spur von menschlicher Besiedlung, keine Strassen, keine Städte, keine Überlandleitungen. Weder die Dörfer der Eingeborenen noch die Hütten der Jäger waren aus zehn Kilometer H öhe zu sehen - ich nehme an, es gab welche. In dieser jungfräulichen Winterlandschaft konnte ich - manchmal deutlich, manchmal verschwommen - Linien erkennen, die sich von Nordwesten nach Südosten zogen (ich glaube, es war in dieser Richtung). Das waren Furchen, die der Gletscher gezogen hatte; die Täler teilweise mit Seen gefüllt, die Bergkämme mit Wald und Busch bedeckt. Von der Erde aus kann man die Regelmässigkeit dieser Moränen und Täler kaum wahrnehmen, aber aus der Vogelperspektive, hoch über dem Boden, wird es deutlich.


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Als die Deutschen sich aus Nordnorwegen zurückzogen, evakuierten sie die gesamte Zivilbev ölkerung und verbrannten oder sprengten alle Häuser, selbst die Gebäude des ehemaligen Observatoriums, die seit langem leer gestanden hatten. Als sie schliesslich zurückgeschlagen waren, kehrten die Norweger und Samen zurück, bauten neue Häuser und lebten beinahe so wie zuvor. Nur an den Mauern der Kirche tauchten Tafeln auf mit den Namen der Menschen, die im Krieg gefallen und von den Besatzern erschossen worden waren.


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Heidekraut ist die beherrschende Spezies im Heideland, in Heidewäldern und den trockeneren Mooren (vor allem an Brandstellen) und gibt den entsprechenden Wald- und Heidepflanzengemeinschaften den Namen ... Auf Brandstellen und Lichtungen vermehrt es sich leicht über Samen; im Schatten treibt es nur wenige Blüten, die Stengel wachsen hoch und die Pflanze kann leicht absterben. ("Flora der estnischen SSR," Band VIII, Seite 51)


21

Diese Pflanzengesellschaft "(Calluna vulgaris - Sphagnum fuscum + Rhynschospora - Scheuchzeria)" hat sich als Sekundärbewuchs nach Bränden entwickelt (Das Vorherrschen von "Calluna" ist das unmittelbare Resultat davon). --- Brände haben wahrscheinllch auch "Eriophorum vaginatum" begünstigt, in geringerem Ausmass "Ledum palustre", das sich erst vor zwei, drei Jahrhunderten verbreitete, anscheinend im Zusammenhang mit einer intensiveren menschlichen Besiedlung. (Liivia Laasimer," Die Vegetation der estnischen SSR," Seite 221)


22

Das Zentrum von Tartu wurde 1941 schwer beschädigt, als alle Brücken gesprengt wurden und die sowjetischen Truppen das Südufer von Emajogi beschossen, vom Nordufer her, das sie noch länger besetzt hielten. Einen schwereren Schlag erlitt die Stadt 1944 durch heftige Bombenangriffe der sowjetischen Luftwaffe. Damals wurden mehrere historische Wohnblocks zerst ört wie auch viele Hotels, Cafés, das ehemalige Treffner-Gymnasium, das „Vanemuine"-Theater und unter anderem auch das Haus, in dem wir lebten. Als wir in die ausgebrannte Stadt zurückkehrten, fanden wir vorübergehend Unterkunft bei Freunden. Einige Porzellantassen, Teller und andere Kleinigkeiten waren im Keller unbeschädigt geblieben.


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Ich mähte hinter dem Ort, wo früher der Kuhstall stand. Mehrere Kr öten krochen davon, um sich vor der Sense zu verbergen. Gottseidank hielten sie sich am Boden, lagen flach zwischen den Grasbüscheln. Manchmal habe ich Frösche und Kröten mit der Sense verletzt. Wenn sie verletzt werden, schreien sie. Anscheinend schreien und kreischen in der Todesfurcht alle gleich, ein Frosch, der von der Sense getroffen wird, eine Maus, die von einem Bussard geschlagen wird, ein Hamster, ein Hase und wahrscheinlich auch ein Mensch. Ich habe noch nie den Todesschrei eines Menschen gehört, aber einige meiner Bekannten schon.


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Während des Krieges verwandelten britische und amerikanische Bomber viele deutsche Städte in Trümmerfelder (der gleiche Ausdruck auf estnisch wie auf deutsch, er kam mir auch in den Sinn, wenn ich an "killing fields" dachte); zum Beispiel bedeckte das Trümmerfeld in Dresden eine Fläche von etwa achtzehn Quadratkilometer. Im Zentrum von Köln blieb nur der Dom einigermassen unbeschädigt und erhob sich zwischen den Ruinen. Ein Mann in Köln hat mir erzählt, dass unter den Menschen, die in den Kellern zerstörter Häuser lebten, der Widerstand viel Unterstützung erhielt und ziemlich wirksam war, so dass hohe Naziführer sich hüteten, zwischen den Ruinen aufzutauchen: einige waren dort umgebracht worden.

Auf den ausgebombten Flächen zeigte sich bald neue Vegetation - Gemeinschaften sogenannter Ruderalpflanzen: verschiedene Unkräuter, Sträucher und Bäume wie Holunder, Espen, Weiden, Ulmen, Ahorn und Eschen. Im Zentrum von Berlin fanden sich Kiefernsämlinge. Exotischere Arten waren der Schmetterlingsstrauch "(Buddleia davidii)", der ziemlich häufig vorkam, und Ailanthus.

Welche Pflanzen im zerstörten Zentrum von Tartu wuchsen, weiss ich nicht mehr genau. Sicherlich konnte man Weiden finden, Weidenröschen, Birken, Holunder, Ahorn und natürlich Beifuss. (Vgl. Rolf Weber:" Ruderalpflanzen und ihre Gesellschaften")


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Mehrere Sommer lang hat eine kleine dunkelbraune Spinne unter dem Deckel unseres Brunnens genistet. Ich meine, sie hat dort ihre Jungen aufgezogen. Zunächst bewachte sie den Kokon voller Eier, dann krochen die winzigen weisslichen Spinnen aus: erst drängten sie sich im Kokon zusammen, dann rannten sie in alle Richtungen davon. Die Spinne schien es nicht weiter zu  stören, dass der Brunnendeckel täglich viele Male aufgehoben wird und unter ihrem Nest ein fünf Meter tiefes Loch gähnt, mit Wasser auf dem Grund. Ich weiss nicht, ob es immer die gleiche Spinne ist, oder ob jeden Sommer eine neue ihren Nistplatz unter dem Brunnendeckel findet. Ist letzteres der Fall, wurde sie entweder im Jahr zuvor dort geboren oder sie hat den Ort aufgrund besonderer Markierungen gefunden, wegen eines Mikroklimas oder alten Spinnweben. Unter dem gleichen Brunnendeckel finde ich in jedem Spätsommer einige orangefarbene Falter. Ich entdeckte sogar ihr Bild und ihren Namen in einem alten deutschen Buch über Nachtfalter, aber ich kann mich nicht mehr an den Namen erinnern, und das Buch finde ich auch nicht mehr. Wenn ich Wasser aus dem Brunnen hole, werfe ich die Tiere gewöhnlich in den Rosenbusch neben dem Brunnen, aber am nächsten Abend sind sie wieder unter dem Deckel. Sind diese Falter dieselben wie letztes Jahr oder Verwandte derer, die ich im vorigen Jahr dort fand? Das ist kaum anzunehmen. Wahrscheinlich gefällt ihnen einfach dieser schattige, kühle und geschützte Platz.


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Nach dem Krieg mussten die Menschen in Tartu nach Feierabend die Trümmer wegräumen. Es war Pflicht, und es musste mit Begeisterung getan werden, mit Fahnen und Parolen. Es wurde Wiederaufbau genannt, obwohl nur ein paar Häuser wiederaufgebaut wurden; das besorgten deutsche Kriegsgefangene. Manchmal durften sie sich frei in der Stadt bewegen. Sie klopften an die Türen der Leute und baten um etwas zu essen. Häufig bekamen sie etwas, obwohl es die Behörden verboten hatten. Die meisten Ruinen wurden einfach abgerissen und fortgeschafft. Auf dem Gelände früherer Wohnblocks entstanden Grünanlagen. Unternehmungslustige Männer sammelten Steine aus den Ruinen, reinigten sie von Mörtel und Putz und bauten sich kleine Häuser. Für einen Esten war das die einfachste Art, an ein Haus zu kommen.


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Die Heidefamilie besteht aus etwa 40 Gattungen mit über 1400 Arten. Die grösste einzelne Gattung ist "Erica": die meisten ihrer Arten finden sich im südlichen Afrika, einige in den mediterranen und atlantischen Regionen. Diese Arten sind zum grössten Teil Xerophyten, die in offenen semiariden Gegenden wachsen. Eine der Arten - die kreuzblättrige Heide "(Erica tetralix)" - ist eine Charakterpflanze atlantischer Heidegebiete, und einige spärliche Funde in Osteuropa (in Lettland in der Nähe von Liepaja, in Ostfinnland nahe Kuhmo) lassen vermuten, dass sie in der Vergangenheit weiter verbreitet war, wahrscheinlich während des Atlantikums. Die meisten Informationen über die Art in Estland sind vage: sie wurde an einem Ort in der Nähe von Haapsalu gefunden, wo sie bereits 1854 verschwunden war.

Die meisten Heidepflanzen der nördlichen Hemisphäre stehen in Zusammenhang mit der Tundra oder entsprechenden Berglagen. Ökologisch sind die meisten xeromorphe Oxylophyten, die vorzugsweise an schattigen, feuchten bis nassen Orten wachsen. In der Tundra und den Bergen wachsen sie auch auf offenen Flächen. ("Die Flora der estnischen SSR," VIII, Seite 37)


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Ich stehe auf einem nackten Hügel. Unter meinen Füssen ist weisser Fels; gelbe, schwarze und braune Flechten bilden Fragmente eines Gemäldes, das vielleicht vor der nächsten Eiszeit fertiggestellt sein wird. Der Maler hat viel Zeit: Tiere, Menschen, Wolken, Sommer und Winter gehen zwischen ihm und dem Fels vorüber wie Morgennebel.

Diese Landschaft macht mich wortlos, namenlos und wunschlos. Ich bin ein Mann ohne Eigenschaften, fast ein Nichts, zwei Augen und "(ja, Musil holte sich diesen Ausdruck aus chinesischen Schriften)" das Verlangen, hier zu bleiben, zu schwinden, kleiner zu werden, immer näher dem Fels und der Erde, sich in eine niedere Pflanze zu verwandeln, eine Schwarze Krähenbeere, eine Bärentraube, eine Flechte, eine Inschrift im Fels, die ich noch nicht lesen kann, die ein Gruss ist und ein Lebewohl zugleich. Wie der "saami joik", das Lied ohne Worte, ohne Anfang und Ende, das hier auf den offenen Hügeln unter einem offenen Himmel entstand.


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Ich denke an die "seidas", jene Steine auf den Hügeln, die in der Sprache der Samen häufig "corr" genannt werden. Diese Steine verkörpern, was ich "genii loci" genannt habe. Ich glaube, das Christentum ist agoraphob: Gott erhielt ein Heim, das als Festung gebaut wurde. Im frühen Mittelalter galt es als eine Burg, in der die Kräfte des Guten und des Lichts einer Belagerung durch die Kräfte des Bösen und der Dunkelheit standhalten konnten. Eine romanische Kirche war ein Brückenkopf der himmlischen Legionen in dieser von Satan beherrschten Welt. Unter dem weiten arktischen Himmel Lapplands wirkt all das unverständlich und lächerlich. Wie können Menschen sich in ihre Werte, Ängste und Glaubensinhalte zurückziehen wie Schnecken in ihre Häuser? Wie kann man so egoistisch in dieser Welt leben, wie kann man das Gefühl des Staunens einbüssen, wie kann man  leben, ohne diesen Himmel wahrzunehmen, diese weissen Felsen, diese Krähenbeeren, Rebhuhnbeeren, Zwergbirken und Diapensien? Wie kann man sich von all dem abwenden und riesige steinerne Burgen bauen, mit Kunst, Musik, Farbe, Aroma und Spiritualität, aber ohne Leben, ohne Licht der Menschen "(Johannes-Evangelium: Leben ist das Licht der Menschen)", noch nicht einmal Wegerich und Knöterich, und natürlich auch keine Heidepflanzen.


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Ich habe leichtes Kopfweh. Seit mehreren Tagen regnet es. Der Luftdruck scheint sich zu ändern. Bei niedrigem Luftdruck fühle ich mich oft besser als bei hohem. Es ist schön, warme feuchte Luft zu atmen. So war es in Vancouver, so war es in Kanton am südchinesischen Meer. Die Luft dort war erstaunlich leicht und dieses Gefühl der Leichtigkeit bildet den Hintergrund für meine Erinnerungen an Südchina. Selbst dort fand ich etwas Zeit zu botanisieren, ging zu einem Strauch auf einem Hügel, fand Adlerfarn, Geissblatt, einen Pfeffer, einen Phylodendron und eine Wildrose mit weissen Büten. Die Stecklinge der Rose und des Pfeffers schlugen Wurzeln, und auf dem Fensterbrett in meiner Küche steht noch immer ein Hülsenfrucht-Gewächs, das aus einem Samen keimte und bereits eine ganze Handbreit gewachsen ist. Seinen genauen Namen konnte ich nicht herausfinden.

Aber meine Pflanzen, meine Pflanzenverwandten in China gehören wahrscheinlich nicht der Lonicera oder Rosenfamilie an, es sind andere. Ich glaube, ich finde sie in den Bergen zwischen Rhododendren oder Koniferen. In China kann man mehrere seltene und eigenartige Koniferen-Arten finden, wie Metasequoien.


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Auf dem südlichen Abhang (yang) des Vorgebirges, das in den Fjord hineinreicht, gibt es sehr wenig Vegetation, nur Gras und Krähenbeeren. Der nördliche Abhang (yin) ist bedeckt von einem Wacholderdickicht, durch das sich selbst der Hund nur mühsam hindurcharbeitet. In den Sträuchern hängen Federn von Enten und Seemöwen. Ich nehme eine Feder und lasse sie vom Hügel in den Wind fliegen. Der Wind trägt sie weit davon, dann lässt er nach und die Feder beginnt zu sinken, schwingt hin und her und landet schliesslich im Gebüsch. Auf unserem Heimweg treffen wir auf die Ruinen eines deutschen Bunkers - sogar ihre Bunker haben sie vor dem Rückzug gesprengt. Rostige Moniereisen ragen wie gebrochene Zweige aus den Betonbrocken. Hier und dort auf den Hügeln kann man Fetzen von Stacheldraht finden. Im Krieg war das deutsche Militär zahlreicher als die Bewohner hier.


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Die Gattung der "Diapensien" gehört zur Familie der "Diapensiaceae" und nach Meinung einiger Botaniker auch zu einer Unterfamilie, "Diapensiales". Ihr bekanntester Vertreter "Diapensia lapponica" ist eine charakteristische Art der arktischen Zwergbuschtundren; hier fällt sie auf durch ihre flachen oder runden Matten. Unter ungünstigen Bedingungen wächst der Strauch nur sehr langsam: hat er nach fünf bis zehn Jahren die Blütezeit erreicht, übersteigt sein Umfang selten mehr als drei bis fünf Zentimeter. "Diapensia lapponica" wächst auch in einigen isolierten Gebieten ausserhalb der Arktis, zum Beispiel in Korea oder in Schottland, wo sie erst vor zwanzig Jahren entdeckt wurde: ein Beweis, dass selbst in floristisch so gut untersuchten Ländern wie Grossbritannien noch wichtige botanische Entdeckungen möglich sind. ("Urania Pflanzenreich, Höhere Pflanzen 2," S. 169)


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Einige Kilometer von unserem Landhaus entfernt liegt eine aufgegebene Kiesgrube und nahebei die Kapelle des Kreuzsees. Es heisst, der See sei entstanden, als eine Kirche, die hier gebaut worden war, in der Erde versank. Die Geschichte geht so: Eines Sonntags, als die Leute sich zum Gottesdienst versammelt hatten, kam ein alter grauer Mann aus einem grossen Baum heraus (wahrscheinlich einer Kiefer). Er hob einen Felsen auf, trug ihn in die Kirche und setzte ihn auf dem Boden ab. Die Kirche begann zu versinken, die Menschen konnten noch hinausrennen, bevor sie vollständig versank und das Wasser sich dort sammelte.

Ich glaube, dass dieser legendenumwobene Ort sicherlich ein vorchristliches Heiligtum war, wo später eine Kapelle gebaut wurde. Der Ort liegt nahe einer Kreuzung, und Kreuzungen hatten in der alten Volksreligion eine besondere Bedeutung: unsere Vorfahren hatten gewisse geheime Rituale, die Donnerstag nachts an Kreuzungen vollführt werden mussten.

Manchmal besuchen wir mit unseren Kindern die Kiesgrube. Wir sammeln interessante Steine, bringen etwas hübschen groben Sand mit, der an manchen Orten zu finden ist. Die Jungen nehmen Blechdosen und Flaschen, die von den Arbeitern hier zurückgelassen wurden, werfen sie in grosse Wasserpfützen und versuchen sie mit Steinen zu treffen. Seit einiger Zeit haben die Leute begonnen, die Kiesgrube als illegale Müllkippe zu verwenden. Beim Kiesabbau wurden einige grosse Felsen freigelegt. Ein Freund, der auf einem Bagger arbeitet, brachte mir einen dieser Felsen auf  meinen Hof: Ich hatte mit weisser Farbe ein Kreuz darauf gemalt; damit er ihn leicht erkennen konnte. Jetzt steht der Felsblock unter jungen Lärchen; die weisse Farbe ist sehr widerstandsfähig und ich konnte sie nicht abkratzen.

Zu Anfang erinnerte mich die Kiesgrube an eine Wüste, besonders ein Teil von ihr, eine Sandfläche mit einzelnen kleinen Pflanzen darauf. Jedes Jahr erscheinen mehr Pflanzen auf dem nackten Kies und Sand. Allmählich tauchen auf dem verwüsteten Land auch Sträucher auf.


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Jenseits der Bucht von Alta liegt ein Dorf namens K°afjord. Mitte des letzten Jahrhunderts legten Engländer dort ein Kupferbergwerk an. Geblieben von diesem Kupferbergwerk sind riesige Gruben im Boden, gewaltige Schlackenhalden und einige Gedenktafeln mit ausländischen Namen auf dem lokalen Friedhof. Zum Beispiel:

Thomas William Hooker Trenery

Gestorben am 1. August 1838

Im Alter von drei Jahren

Happy Infant early Blest,

Rest in peaceful slumber, Rest.

Early rescued from the Cares

Which increased with growing Years.

(Frohes Kind, so früh gesegnet / Ruhe in friedlichem Schlummer / Früh erlöst von all dem Kummer/ Der mit den Jahren dir begegnet.)

Die Gräber der Engländer und anderer wichtigerer Leute liegen an der Ostwand der Kirche. Dort ruhen das früh gesegnete Kindlein Thomas W. H. Trenery und der schwedische Kaufmann Carl Johan Ruth, geboren in Lulea am 21. Juli 1818 und gestorben in Kautokeino am 8. November 1852.

Ruth verkaufte auch Alkohol an die Einheimischen. Dies war einer der wichtigsten Gründe, warum er von rebellischen Samen aus Kautokeino getötet wurde. Für den Mord wurden zwei Männer, Aslak Kaetta und Mons Somby, zum Tode verurteilt und in Alta geköpft. Mons bedauerte nie, was er getan hatte: er sagte, er wisse, dass Gott ihm alles vergeben habe. Aslak geriet in Panik, hoffte bis zum letzten Augenblick auf Begnadigung und kämpfte verzweifelt, als er zum Schafott geschleppt wurde. Die Köpfe beider Männer wurden an die Universitätsanatomie in Christiania geschickt, wo sie bis heute aufbewahrt werden. Die Rümpfe wurden in ungeweihtem Boden am Rande des Friedhofs bestattet. 1883 schrieb die Schriftstellerin Magdalene Theresen, die beiden hingerichteten Männer lägen vor dem Kirchhof unter einem von der Natur selbst bereiteten Grabhügel". Auf diesem Grabhügel kann man viele Sträucher, Gräser und Blumen sehen, zum Beweis, dass die Erde überall gut und gütig ist, ob nun geweiht oder nicht."

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Die Kiesgrube ist eine Wüste, auch Kies- und Asphaltstrassen sind Wüsten, ebenso wie städtische Plätze und Strassen. Selbst das Feld und der Garten sind Wüsten, wo wir für kurze Zeit einer Vegetation der Halbwüste eine Chance geben, zu wachsen und Frucht zu tragen. Es ist mehr oder weniger nachgewiesen, dass die Vorfahren der heutigen Getreide - Weizen, Roggen, Gerste, Hirse und andere einjährige Gräser, die ihren Stärkevorrat nicht in den Wurzeln speichern, sondern nur im Samen - in Trockenregionen südlich der vergletscherten Gebiete ihren Ursprung hatten. Diese Pflanzen keimen im kurzen feuchten Winter und Frühjahr, schnell wachsen sie und tragen Frucht und welken zu Beginn der Trockenperiode. Nur die grossen Samenkörner überstehen diesen Zeitraum. Bilder des sterbenden und wiederauferstandenen Gottes entstanden an Orten, wo die Leute begannen, solche Gräser zu züchten. Das Christentum ist eine Getreidereligion. Menschen, die vom Jagen, Fischen, vom Eichelnsammeln, vom Anbau von Taro, Maniok oder Kokosnüssen leben, haben natürlich eine andere Religion. Um diese Menschen zu guten Christen zu machen, sollte man zuerst ihr Land umpflügen und es in eine Halbwüste verwandeln. Eine Religion hat ihre eigene ökologie, ihre Anforderungen an eine Umgebung, genauso wie ein Baum oder ein Strauch. Jede Religion und jeder Gott gehören einer bestimmten Landschaft an.


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Es gibt eine Theorie, dass die Samen Abkömmlinge jener Menschen sind, die in Skandinavien die Eiszeit auf eisfreien Bergen überlebten - auf Nunataks. Es könnte irgendwo nahe am Meer gewesen sein, wo man Seetiere jagen und fischen konnte, wie es die Tschuktschen und die Polar-Eskimos tun. Diese Eskimos könnten kaum überleben, wenn es keine Nunataks gäbe. Das Wort selbst kommt aus der Eskimo-Sprache. Die Theorie weist jedoch einen Mangel auf: die voreiszeitlichen Einwohner Europas waren keine Menschen wie wir, sondern Neandertaler, die nicht die Vorfahren irgendeiner heutigen Menschengruppe gewesen sein können. Aber vielleicht waren die Samen die unmittelbarsten Nachkommen jener Rentierjäger und Fischer, die dem Rentier nach Norden folgten und das Gebiet besetzten, das von den zurückweichenden Gletschern geräumt worden war, das Gebiet, das sich Schritt für Schritt in eine Tundra verwandelte, auch hier in Estland das erste postglaziale Ökosystem.


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Salix polaris - Polarweide, Höhe etwa 1 cm, Blätter dick, ohne Adern.

Salix herbacea - Grasweide, Höhe bis zu 2 cm

Salix reticulata - netzförmige Weide, Höhe bis zu 5 cm.

Betula nana - Zwergbirke, Höhe bis zu 50 cm.

Diapensia lapponica - Höhe bis zu 3 cm.

Das Leben zieht sich zusammen, hält sich an den Boden, kriecht in Spalten, in Höhlungen, wo es eine Handvoll torfigen Boden und Geröll gibt; darüber der Wind, die Mitternachtssonne und ein paar Ameisen. In der Nähe kämpfen Flechten in einem lautlosen Weltkrieg - die schwarze Flechte erobert einiges Gebiet von der gelben, die gelbe von der schwarzen.

Ich glaube, was ich zum Ausdruck bringen will, ist in der menschlichen Sprache kaum, vielleicht sogar unmöglich zu sagen, leichter in der Sprache jener eigenartigen Pflanzennamen, die von jemandem erfunden wurden, der sich von Gott weiss was motivieren liess. "Salix, Calluna, Erica, Rhododendron, Diapensia, Loiseleuria, Cassiope, Empetrum, Andromeda ..."


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Die Sonne scheint dort noch, jenseits des Polarkreises, auf den Hügeln von Alta. Hier ist es Nacht, der Wind hat nachgelassen, zwei Fledermäuse kreisen über dem Teich, die Zikaden sind unter den Blättern der Kinderhütte schlafen gegangen. Das Dachfenster hat keine Vorhänge, und die Dunkelheit starrt direkt ins Zimmer. Die Dunkelheit ist wie ein riesiges schwarzes Auge, an dem ich noch ein rötliches Glänzen am westlichen Horizont wahrnehmen kann, dazu die Spiegelung meines eigenen Gesichts.


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Wenn Gott im Himmel ist, wie es heisst, dann ist das der Glaube eines Wüstenvolkes. Der Himmel ist eine Wüste, eine blaue, schwarze oder graue Wüste. Der Himmel ist unbekanntes Gebiet, so voller Gefahren wie die Wüste, in der ganz plötzlich Schakale, Wölfe oder eine Räuberbande auftauchen können.

Der Himmel ist das Heim eines unbekannten und gefährlichen Gottes, eine Wüste Gottes, wohin man gehen oder seine Augen wenden kann, wenn man mit sich allein sein muss. Vergessen wir nicht: am Himmel gibt es keine Grenzen, so wie es bis vor kurzem noch keine Grenzen gab in der Wüste zwischen Tschad und Libyen oder zwischen Oman und Saudi-Arabien. Die Grenzen, die man am Himmel finden kann, die Grenzen zwischen Wolken und Wolkenhaufen, sind verschwommen und schnell veränderlich, sie sind unmöglich zu beschreiben. Norbert Wiener hat in seinem Buch "Kybernetik" darüber geschrieben.

Der Himmel ist wie eine Wüste, wie ein Feld. Kann dort etwas wachsen? Es könnte nur etwas Verschwommenes, Konturloses sein, so etwas wie Wolken, Licht und Regen.

Wer Wind sät, wird Sturm ernten.


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Im Wald in der Nähe unseres Hauses ist eine Stelle, die wir "das abgebrannte Haus" nennen. Vom Haus selbst ist nicht viel übrig ausser den Fundamenten, die teilweise von Sorbaria-Büschen verdeckt sind. Es gibt noch ein paar Apfelbäume, die schon vom Wald überwachsen sind; ein paar Johannisbeerbüsche, Flieder, Lindenbäume und eine Ulme. Es gibt eine Geschichte darüber, wie dieses Haus Ende der vierziger Jahre zerstört wurde. Von Zeit zu Zeit kamen die Partisanen hierher, die sich im Wald verbargen, die „Waldburschen", um zu rasten und zu essen. Als sie wieder einmal hier waren, wurde eine Razzia durchgeführt, und Soldaten umringten den Hof. Einer der Waldburschen verlor die Nerven und schoss aus einem der Fenster. Die Soldaten und Milizen antworteten mit einem Feuerhagel. Das Haus wurde von Brandgeschossen getroffen und ging schnell in Flammen auf. Die Leute im Haus versuchten zu entkommen. Die verwundete Hausfrau schaffte es nach draussen, aber die Soldaten fingen sie ein und warfen sie in die Flammen zurück - so erzählen die Leute. Niemand entkam. Ein Sohn der ermordeten Frau war damals nicht zuhause, er wusste nicht, wohin er gehen sollte. Er verbarg sich eine Weile bei Nachbarn, dann schloss er sich den Waldburschen an, um seine Mutter zu rächen.


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Höher in den Bergen schmilzt der Schnee nicht einmal im Juli. Der Wald hält sich an die Täler und an die Nähe der See, wo es wärmer ist. Wenn man diese Landschaften aus einem Flugzeug sieht, wirkt der Wald wie Krähenbeeren, Diapensien und Zwergbirken, die über die Erde kriechen und Schutz vor Kälte und Wind suchen. Die Menschen bleiben in der Nähe des Waldes, ihre Häuser stehen in seiner Nähe. Im Norden sind wir Menschenwesen wie Flöhe, die in Ritzen oder Tierfellen hausen. In Estland heisst es, der Wald sei der Pelzmantel des armen Mannes. Der Wald ist auch der Pelzmantel der Erde, der gleiche Wald, der jetzt schnell zerstört wird, Hunderte und Tausende Hektar jeden Tag. So läuft es im Süden, in Amazonien, in Zaire, in Borneo. Der Wald des Südens wird zu Toilettenpapier für die Amerikaner, Australier und Japaner. Der zivilisierte Mensch, der zivilisierte Floh wischt sich den Arsch mit dem Wald, wischt sich den Arsch mit dem Pelzmantel Amazoniens, Borneos und Zaires und wirft ihn fort.


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Wir schauen selten zum Himmel auf. Am leichtesten geht es, wenn man auf dem Rücken liegt. Dann entdeckt man, dass es in der Wüste über uns lebende Wesen gibt: Mauersegler, Bussarde. Wenn man länger und genauer hinschaut, dann sieht man sogar einen Stern, am wahrscheinlichsten den Morgenstern.

In Wirklichkeit ist der Himmel einfach Tiefe: er ist Entfernung, die dritte Dimension. Es ist schwer zu verstehen. Selbst wenn wir es wissen, wenn wir durchaus mit den Sternen vertraut sind. Dieses Verständnis hat keine Grenzen. Wir können immer ein noch tieferes und deutlicheres Verständnis für die Tiefe des Himmels gewinnen.

Wenn wir die Tiefe des Himmels verstanden haben, dann können wir anfangen, die Tiefe der Felder, Wüsten, Wälder zu verstehen, oder auch unserer selbst. Ein Feld, eine Wüste, jede Landschaft ist ein Echo des Himmels und seiner Tiefe. Wir sind ein Echo des Echos des Himmels.


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Wenn ich vom Himmel und der Wüste spreche, vergesse ich die See. Uns hat die See nicht vergessen. Es fing an mit unseren Kleidern, die wir am Ufer zurückgelassen hatten, als wir durch das Wasser zu einem winzigen Sandinselchen wateten. Dort sammelten wir ein paar hübsche Kiesel und Muscheln. Auf unserem Rückweg stellten wir fest, dass die Flut gekommen war. Jens´ Jacke mit den Autoschlüsseln trieb landeinwärts, Signes Schuhe hinterher. Ich hatte meine Schuhe etwas höher abgestellt, und die See hatte sie noch nicht erfasst.


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Mein Zuhause ist zu allererst eine Landschaft. Wie dieser Observatoriumshügel am Rande Eurasiens, im stillen Mittsommer-Helsinki, wo ich plötzlich ein paar Freunde treffe, wie Kaljo, Kaie und Kalle, Weissklee, Spatzen, Geissblatt und Birken, die in Felsritzen Fuss zu fassen suchen. Der Fels selbst ist vertraut und erinnert mich an die halbdunkle Küche mit Steinfussboden, in Eoste oder Räpina.

Der gleiche Stein in uns allen. Wir sind aus dem gleichen Stein gemacht. Auch Estland - denn wir leben auf etwas, das einmal das Delta uralter Flüsse war, die Sand und Lehm aus den Bergen Fennoskandias herantrugen, und wo später Gletscher einige Felsbrocken zurückliessen, die aus ihrem steinigen Schoss gebrochen waren.


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Es ist bereits völlig dunkel. Immer mehr Insekten fliegen herum: wenn die Lampe brennt, kann ich das Fenster nicht offen lassen, oder es käme ein Schwarm kleiner und grosser Falter und Schnaken herein. Eine Schnake kam vom Dachboden herein. Ich fing sie, drehte das Licht aus, öffnete das Fenster und warf sie hinaus.


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Die letzte Eiszeit ist noch nicht allzu lange her; hier endete sie vor etwa elftausend Jahren, im Norden sogar noch später. Auf Spitzbergen, auf Grönland und in der Antarktis hat die Eiszeit immer noch nicht aufgehört. In Sibirien und dem Norden Kanadas herrscht noch immer der Permafrost. Und wir wissen nicht, ob er zu schmelzen beginnt oder im Gegenteil sein Gebiet ausweitet.

Wir leben in einem Zeitalter der Katastrophen, die grosse Teile der Kontinente in Wüsten verwandelt haben. Die Antarktis und Grönland sind Eiswüsten, der gesamte nördliche Teil der gemässigten Region ist als Wüste eingestuft. Wir haben die meisten unserer Pflanzenarten verloren, vielleicht sogar bis zu 90 Prozent: die Zedern, Sequoien, Araukarien, Gingkos, Magnolien, Palmen, Sandelholzbäume.... in einem Buch über Paläobotanik entdeckte ich erstaunt, dass Vertreter der meisten tropischen Pflanzenfamilien vor der Eiszeit auch hier gewachsen waren. Einige zogen sich in den Süden zurück, manche starben aus. Geblieben ist uns verwüstetes Land, wo wir nur die jämmerlichen Überbleibsel früherer Wälder finden, nur einige Baumarten anstelle mehrerer Hundert, wie wir sie im Süden immer noch finden können. Ich glaube nicht, dass das den meisten Leuten in den nördlichen Ländern viel ausmacht: sie mögen Fichten-, Birken- und Erlen-Wälder und Wiesen und finden sie anheimelnd. Aber ich kann nicht vergessen, was hier früher gewachsen ist und nur im Bernstein Nadeln, Zweig- oder Rindenstücke hinterlassen hat. Ich weiss, dass dieses Land ohne diese ausgestorbenen Wälder nicht wirklich meine Heimat ist. Es ist, als versuche unsere Vegetation ihre Armut und ihren mangelnden Charakter mit üppigem Wachstum zu verdecken. Unsere Gräser und Bäume sind Wanderer wie die braune Ratte und der Wolf. Wir ermangeln unserer eigenen Vegetation. Selbst unsere Pflanzengesellschaften sind des armen Mannes abgemagerte Varianten wirklicher Gesellschaften, die verschwunden sind oder sich in niedrigere Breiten zurückgezogen haben, weit entfernt von hier.


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Der Flieder blühte vor ein paar Wochen, der Bürgersteig ist bedeckt mit den abgefallenen Blütenblättern vom Schneeball, und eine Felsenbirne hängt voller kleiner Beeren. Kirchenglocken dröhnen irgendwo im Stadtzentrum. Der Raum ist sehr weit. Raum, erfüllt vom Wind, der weht, wo es ihm gefällt. "Pneuma pnei". "Spiritus spirat".

In der Kirche weht kein Wind. "Spiritus" ist hier, auf dem Observatoriumshügel. "Spiritus" ist der Wind, der die Möwen trägt, das Gebrabbel eines Säuglings, der Klang der Glocken und der Lärm vorbeifahrender Autos.

Eine Möwe steht vor mir, blickt mich erst mit dem einen, dann mit dem anderen Auge an. Sie pickt sich einige Parasiten aus den Federn, kreischt ein paar Mal und fliegt davon.


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Noch im Eozän wuchsen in Europa und anderen Regionen der nördlichen Hemisphäre Araukarien und Gelbhölzer. Später breiteten sie sich in die südliche Hemisphäre aus und wurden im Norden schnell selten. Zu jener Zeit wurde die nördliche Hemisphäre von Kiefern beherrscht, das heisst auf Spitzbergen, auf Franz Joseph-Land und in anderen nördlichen Gegenden.

Koniferen sind wichtig als Bernsteinquelle: nach den neuesten Informationen wuchsen die bernsteinproduzierenden Arten (die höchstwahrscheinlich der Gattung "pinus "angehören) im Tertiär in Skandinavien, von wo ihre harzhaltigen Reste an die „Bernsteinstrände" Ostpreussens getragen wurden.


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Die Landschaft ist noch da. Landschaften verschwinden nicht so leicht. Selbst Gletscher können sie nicht auswischen. Landschaften sind wie Knochen, Skelette: früher glaubten die Menschen, ein Skelett könne neues Fleisch ansetzen, die Knochen eines Tieres könnten zu neuem Leben erstehen. Können auch unsere Landschaften auferstehen, sich wiederbeleben, ihren Pelzmantel zurückbekommen? Sequoien, Zedern, Zypressen, Zimtbäume? Werden wir verschwundene Arten wiederbeleben können, verschwundene Gemeinschaften und Pelzmäntel? Ganz zu schweigen von verschwundenen Völkern. Könnten nicht genetische Eingriffe eines Tages etwas hervorbringen, was den prähistorischen Bäumen ähnelt, die früher einmal rund um die Ostsee wuchsen? Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Heute vernichten wir Arten schneller, als sie entstehen. Vielleicht wird sich in der nächsten Jahrmillion eine neue Vegetation auf der Erde herausbilden. Ja, hier in der Ostsee-Region wäre es möglich, nicht aber auf Spitzbergen, nicht auf Franz Joseph-Land. Dort müsste das Eis verschwinden, müssten die Gletscher schmelzen. Aber dann würde der Meeresspiegel ansteigen, die Niederlande, Dänemark, Westsibirien würden überflutet. Die Klimazonen würden sich verlagern, die Wüsten würden sich nach Norden ausbreiten. Schreckliche Hungersnöte würden die Menschheit treffen, Hunderte Millionen gingen auf die Wanderschaft. Aber muss denn Spitzbergen auf ewig unter dem Eis begraben bleiben? Können auf Grönland niemals wieder Wälder wachsen, so wie früher? Ich halte es noch immer für möglich, dass sich die Erde erwärmt, dass die Gletscher abschmelzen. Vielleicht könnten wir auf der Erde auch ohne Gletscher leben. Die Antarktis, Grönland und Spitzbergen würden dann von denen kolonisiert, deren Heimatland von der See verschlungen wurde. Das wäre durchaus möglich, aber ich fürchte, es wird in Form einer Katastrophe eintreten. Vielleicht ist es die Aufgabe der Gattung Mensch, das postglaziale Zeitalter einzuführen, aber der Mensch selbst ist ein Kind der Eiszeit, ein Kind der Schneekönigin. Könnte sich die Schneekönigin nicht an uns rächen, weil wir sie von unserem Planeten vertrieben haben?


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Heidepflanzen gehörten zu den ersten Rückkehrern nach dem Rückzug der Gletscher, als die Schneekönigin ihren Griff lockerte, als die felsige und schwere Erde wieder einmal vom Eis befreit wurde. Selbst jetzt sind sie häufig die ersten und einzigen. Wie Diapensien. Sie können in Ritzen und Höhlungen wachsen, wo sie nur wenig Humus finden. "Empetrum, Cassiope, Arctosaphylos, Loiseleuria". Sogar ein Rhododendron, der lappische Rhododendron. Vielleicht können einige von ihnen der Kälte widerstehen und den Gletschern entkommen, wenn sie sich auf die Nunataks zurückziehen, die schwierigsten Zeiten der Herrschaft der Schneekönigin überstehen, ihre Zeit abwarten, wie sie es auch jetzt können. Selbst an anderen Orten können sie an Grenzen leben, Grenzen der Gletscher, der Wüsten und der Zivilisation. Oleander in den Bergen Tibets, Erica in den öden der Kapregion, Heide auf verbranntem Moorland.

Ich weiss nicht, welche Heidepflanzen mir die liebsten sind. Es ist ebenso schwer zu erklären, wie die Besonderheiten zu benennen, die ich an Menschen liebe. In gewissem Sinne ist es jede einzelne dieser Besonderheiten - Blüten, Gesicht, Stengel, Hände, Bescheidenheit, Geruch, Stimme. Die Stimme einer Hummel auf einer Heidepflanze. Und dann all das zusammen. Mensch, Heide, Berggipfel. Ich habe das Gefühl, dass wir uns irgendwie ähnlich sind, dass wir ähnliche Erwartungen haben, dass wir die Gesellschaft des jeweils anderen geniessen. Ich bin gern in der Gesellschaft von Heidepflanzen und Diapensien. Ich hoffe, sie sind auch gerne mit mir zusammen. Wahrscheinlich bin ich irgendwie mit Heidepflanzen verwandt, vielleicht gehöre ich zur Familie der Heidepflanzen, der Zwergsträucher. Vielleicht bin ich mit Diapensien verwandt. Mit der modernen Taxonomie lässt sich all das nicht vereinbaren, aber hier ist Erkenntnis wichtiger als Taxonomie.


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In Wirklichkeit sind Bäume und Sträucher ein Teil von uns, sie sind nur weiter von unserem Körper entfernt als Hände oder Füsse, deshalb kann man denken, sie empfänden keinen Schmerz - dass das Abschlagen von Ästen und Stämmen uns keine schweren Verletzungen zufüge. Aber wir können ohne Bäume nicht leben. Je weniger Bäume es gibt, desto weniger leben wir. In Wirklichkeit fällen wir Teile unseres eigenen Körpers, wir verbrennen und vergiften uns selbst. Statt des Waldes können neue Menschen geboren werden, aber es sind behinderte Menschen, Menschen ohne Zweige, ohne Wurzeln, ohne Bäume, ohne Amazonien, ohne Borneo, ohne Ruwenzori.


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In einem meiner schönsten Träume - irgendwo habe ich schon einmal darüber geschrieben - sah ich grosse blühende Heidekrautbüsche auf einer weit entlegenen Insel. Es war wie ein Wald, ein Heidekrautwald, und durch die Blüten konnte ich den Himmel sehen. Es war, als bestehe der Himmel aus zwei Schichten - das Blau des höheren Himmels erreichte meine Augen durch die violetten Blüten der unteren Schicht.

Wenn der Himmel der Ort ist, an den - wie man glaubt - einige von uns kommen, können wir dort dann Heidekraut finden? Gibt es einen Ort für bedrohte und ausgestorbene Bäume, für Sequoien, Gingkos, Cordaites? Wir sind mit ihnen verwandt: Ich bin mit Heidekraut verwandt, jemand anderes mit dem Gingko, ein dritter mit der Zwergbirke. Wir können sie nicht allein lassen. Wir haben ein gemeinsames Schicksal. Selbst wenn ich im Himmel aufgenommen würde, ich ginge nicht hin ohne all diese Sträucher und Bäume, Geister, "genii loci", Vögel, Tiere und Fische. Sie sind meine Verwandten. Ich muss sie alle mit mir nehmen. Ich habe ein Versprechen abgelegt, einen Eid geschworen.

Vielleicht werden wir alle in die Hölle geschickt, wo wir in einem ewigen Feuer brennen werden, wir alle, Farne, Lykopoden und Cordaites, einige von uns als Kohle, einige von uns so, wie wir jetzt sind. Nun gut, ich bin ein Sünder, ein Dichter sogar - aber warum sollen die Schachtelhalme bestraft werden, warum die Koniferen, die Rhododendren? Warum all diese wunderbaren Wesen schaffen und sie dann versteinern lassen? Sind Gottes Werke absurd, oder ist unser Verständnis von ihm oder ihr und von seinem oder ihren Werken absurd? Es fällt mir leichter, an ein absurdes Ich zu denken als an einen absurden Gott, der auf dem Planeten Erde schreckliche entwicklungsbiologische Experimente durchführt. Es fällt mir leichter, Gott an das Ende als an den Anfang zu setzen, mir ihn oder sie als jemanden vorzustellen, der auf uns alle wartet, auf alle wiederauferstandenen Menschen, Tiere, Vögel, Bäume, Sträucher, Geister, Elfen und Flechten.

Ich weiss, dass die Frage "warum" ausserhalb unseres Heims keine Geltung hat, und weniger noch in den Bereichen der Geologie, Kosmologie und Theologie. In der Ewigkeit haben die Warum-Fragen überhaupt keine Bedeutung. Wie die Fragen nach dem Leiden, den Ursachen des Leidens und der Erlösung vom Leiden. Und ich glaube, dass in den Heideblüten ein Stück Ewigkeit lebt - in ihrem winzigen verbogenen Stamm, ihren winzigen ledrigen Blättern, in ihrer ausgedehnten Verwandtschaft, ihren Bekannten und Freunden, Bienen und Hummeln, Winden und Wolken - wenn wir es nur wahrnehmen, sie hat die gleiche Farbe, den gleichen Geruch wie unsere eigene Ewigkeit. Oder vielleicht - so sollte man wohl richtiger sagen - ist sie so farb- und geruchlos wie die Ewigkeit.


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Kiefern wachsen neben unserem Pfad; die Erde unter ihnen ist sauer und karg: Schwingelgras, Moos und sogar einige Preiselbeer-Sträucher wachsen dort. In einem Herbst setzte ich Heidekraut dazwischen. Inzwischen ist es gewachsen, es hat sich vermehrt und blüht üppig.

Vielleicht sind Erlösung und Ewigkeit ein und dasselbe. Etwas, das dich aus ihren Blüten anschaut. Je seltener etwas ist, desto grösser seine Bedeutung. Daran denke ich, wenn ich an die winzigen Pflanzen auf den Hügeln Altas oder an die Heidekrautsträucher neben unserem Pfad unter den Kiefern denke. In unserer menschlichen Eitelkeit glauben wir an Erlösung irgendwo in den Tiefen des Himmels oder der Zivilisation, in einer Wüste, die wir entdeckt oder geschaffen haben. "Genius loci", der Geist des Ortes, der Erdgott, kann keine Erlösung finden ohne seinen oder ihren Ort, ohne seinen oder ihre Quelle, Kiesel des Flusses. Steine und Sand können keine Erlösung finden ohne die Berge, von denen sie kommen, von wo die Wasser sie herbeigetragen haben. Ich kann keine Erlösung finden ohne das Heidekraut, ohne die Familie der Heidepflanzen.

Der Buddha nahm eine Blüte der "udambara" und zeigte sie seinen Schülern. Sie waren nicht gut in Botanik und verstanden nicht. Kasyapa war der einzige, der die Blume erkannte, und verstand, was der Buddha sagen wollte. Er lächelte. Was den Buddha selbst anging, so lächelte er immer. Keiner von ihnen ist noch hier, aber die Blume ist da. Einige Sequoien und Borkenkiefern, die zu jener Zeit junge Bäume waren, sind noch immer da, die Borkenkiefer kann fünftausend Jahre alt werden.

Es ist August. Die Heide blüht. Beim abgebrannten Haus tragen die Apfelbäume Früchte. Die Grashüpfer zirpen jeden Abend lauter. Einige Nüsse fallen bereits von den Haselnusssträuchern. Der Regen hat aufgehört, die Schwalben fliegen hoch. Für einen Augenblick zeigt sich die Sonne zwischen den Wolken.



Cordaites sind prähistorische Bäume.

Publiziert in 'Lettre International' Heft 55, IV 2001, bersetzung aus dem Englischen